Die gezeichnete Frau

Der Roman erzählt von Mary Lohan, die sich aufgrund eines tragischen Unfalls von ihrem ursprünglichen Namen und Umfeld distanziert. Die Entscheidung, ihre Familie zu verlassen, gibt den Ausgangspunkt für Marys Geschichte. Sie flüchtet vor einer Kleinstadt-Gemeinschaft und ihrem Mann. Das Fluchtflugzeug bringt sie direkt in die Arme eines ihr unbekannten Mannes, der in Folge ihr Ehemann wird und die Rahmenbedingungen für ihr neues Leben stellt. Nach dessen Tod kann sich Mary mit ihrer Vergangenheit endlich konfrontieren, was zu einem Prozess persönlicher Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung führt. Auch wenn viele Momente ihres Lebens fremdbestimmt sind, findet sie ihren Weg zu sich und zu ihrem Sohn. Bei einem Treffen zwischen Mutter und Sohn, 20 Jahre nach den furchtbaren Ereignissen, findet die Erzählung zu ihrem Höhepunkt.

Die Stärke der Hauptprotagonistin zeichnet sich in Details ab – in einem inneren Monolog lässt sie die aktuelle „regretting motherhood“-Debatte aufleben. In der Aufarbeitung ihres Traumas nehmen Schreib- und Leseprozesse einen wichtigen Platz ein, was dem Roman eine ungewöhnliche Perspektive der Reflexion verleiht. Folgen fataler Ereignisse müssen verarbeitet werden und brauchen menschliche Entscheidungen. Die Lektüre führt zu der Einsicht, dass die Ursachen der Verkettung von Lebensereignissen nicht zur Gänze in unserer Hand liegen, die Entscheidungen darüber, wie schwierige Situationen untereinander ausverhandelt werden, aber sehr wohl. Verena Schweiger

Claudia Piñeiro: Ein wenig Glück. 224 Seiten, Unionsverlag, Zürich 2016 EUR 22,70

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