Ein kurzes, absurdes Stück Literatur

In diesem kleinen Roman steckt mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Eine junge Frau, die nicht arbeiten möchte, streift durch die Hafenstädte Frankreichs, lässt die Tage an sich vorbeiziehen und versucht, irgendwie über die Runden zu kommen. Die Geschichte ist schnell erzählt: sie hängt sich an einen Mann mit Geld, gibt Blow-Jobs für H&M Mode und gerät irgendwann ihrem Gönner gegenüber in Erklärungsnot, was ihre Herkunft und Intentionen betrifft. Ein gewisser humoristischer Effekt entsteht durch die verzweifelten Versuche des Mannes, die Unbekannte wieder los zu werden, nachdem er sich ausreichend an ihr befriedigt hat. Die Handlungen der jungen Frau sind für die Leserin nicht nachvollziehbar, es wird auch nicht versucht, die Protagonistin sympathisch erscheinen zu lassen, sie erscheint biografielos auf der Bildfläche des Romans und verschwindet genauso plötzlich und unerklärt wieder. Mit einer kühlen Sachlichkeit beschreibt die Autorin die Ereignisse aus der Sicht ihrer Protagonistin, ohne ihr eine Spur von Menschlichkeit zu verpassen. Der Verfremdungseffekt ist groß und erzeugt einen Stil, der an die großen existentialistischen Werke erinnert. Liebe Feministinnen, lasst euch nicht von dem Klappentext abschrecken, es liegt durchaus ein Text vor, über den man vernünftig grübeln kann. LH

Julia Deck: Winterdreieck. Aus dem Franz. von Antje Peter. 139 Seiten, Klaus Wagenbach, Berlin 2016 EUR 18,40

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