Elfriede Jelinek und der Opfermythos

Das Vorhaben von Paulischin-Hovdar klingt zunächst vielversprechend: Die Studie setzt sich zum Ziel, eine Analysemethode zu entwickeln, die zeithistorische Theorien zu Faschismus, Nationalsozialismus und Opfermythos integriert und damit neue Perspektiven auf das Werk Jelineks eröffnet. Auch die Auswahl der exemplarisch besprochenen Werke ist schlüssig, so beginnt sie mit dem Stück „Burgtheater“ (1985), um dann auf Jelineks Roman „Die Kinder der Toten“ (1995) und den Theatertext „Das Lebewohl“ (2000) einzugehen. Ziel der Autorin ist es, unter Einbeziehung zeithistorischen Wissens zu belegen, dass die Kritik am Opfermythos Österreichs ein zentrales Thema ihrer Texte darstellt, wobei dies nicht nur über eine explizite Thematisierung geschieht, sondern auch über intertextuelle und metasprachliche Verfahren. Kritisch ist anzumerken, dass die Autorin zwar auf die reiche Sekundärliteratur zu Jelinek verweist, sich jedoch eher an frühen Studien der 1990er Jahre orientiert und neueste Ansätze nahezu gänzlich vernachlässigt. Darüber hinaus scheint der Ansatz problematisch, Jelineks Text auf einen Sinn hin zu deuten, negiert er doch ihren grundlegenden Ansatz der Vielstimmigkeit. Dies zeigt sich etwa, wenn die Autorin die Figuren in Jelineks „Burgtheater“ mit den historischen Persönlichkeiten der Wessely/Hörbiger-Familie gleichsetzt oder wenn sie „Die Kinder der Toten“ auf einen möglichst linearen, eindeutigen Plot reduziert.

Teresa Kovacs

Sylvia Paulischin-Hovdar: Der  Opfermythos bei Elfriede Jelinek.  Eine historiografische Untersuchung. 323 Seiten, Böhlau, Wien 2017 EUR 35,00

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