Feministische Psychiatriekritik

Das Thema Psychiatriekritik wird von Peet Thesing aus einer dezidiert politisch radikalen Perspektive ins feministische Blickfeld gerückt. In ihrem überblicksartigen Pamphlet konstatiert sie, dass der Umgang mit psychischen Krisen und Konflikten mehr und mehr unter das Diktat psychiatrischer Diskurse gerät, und dass unter diesem diagnostischen Regime das Ziel der Veränderungen immer ein inneres und weniger ein gesellschaftliches sei. Konformität und Normalisierungsdruck, Krankheitseinsicht und Compliance – im Feld des psychischen Helfens und Heilens werden durchwegs patriarchale Normen festgelegt, z.B. bezüglich sozialer Interaktionsbereitschaft, Arbeitsfähigkeit und Sexualität. Statt das Private politisch zu machen, wird das Politische privat. Anerkennung von Schmerz und Leid wird an psychiatrische Diagnosen gekoppelt, die in einem hierarchischen System angeordnet sind. Es finden sich im Buch sehr lesenswerte Überlegungen zu Essstörungen im Zusammenhang mit feministischen Forderungen („My body, my choice“).

An den Schluss der schmalen Streitschrift stellt Thesing die durchaus motivierende bis utopische Ermutigung an Betroffene, neue Selbstwahrnehmungen und Handlungsfähigkeit zu entwickeln und sich somit von psychiatrischer Zwangs-Gewalt, ärztlichen Übergriffen und diagnostischer Normativität sozusagen zu emanzipieren.

Judith Fischer

Peet Thesing:  Feministische  Psychiatriekritik.  82 Seiten, Unrast transparent geschlechterdschungel, Münster 2017 EUR 8,10

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