Fenster zu Liebesgeschichten

Briefe zu lesen, die an andere adressiert sind, bringt ein Gefühl der Heimlichkeit mit sich, als würde man etwas Unerlaubtes tun. Manche Texte, gerade die von AutorInnen, die man aus literarischen Werken zu „kennen“ meint, offenbaren eine unmittelbare Intimität, als würde man der Person unberechtigt zu nahe treten. Briefe, und ganz im Speziellen Liebesbriefe, offenbaren ja oft mehr über die Schreibenden als über die Adressierten. Mitunter gestatten sie aber auch das Entstehen fein gezeichneter Porträts des adressierten Gegenübers. Der schön ausgestattete Band mit Faksimile-Autographen von Liebesbriefen und Porträts „berühmter Frauen und Männer“ aus unterschiedlichen Epochen gibt Beispiele für beide Varianten. So tun sich etwa Einblicke in komplizierte Beziehungskonstrukte auf, wenn Simone de Beauvoir ihren Geliebten Nelson Algren fragt: „Aber verdiene ich Ihre Liebe, wenn ich Ihnen nicht mein Leben gebe?“ Ein lebendiger Eindruck entsteht von Marlene Dietrich, der sich Erich Maria Remarque beim Kennenlernen am Lido sofort als Liebesdiener unterwirft. Er bewundert sie im Schlaf als Puma, malt ein mimisches Porträt ihres „verwehten Lächelns, das niemand und allen gilt.“ Die Leserin begleitet die sehnsuchtsvoll an ihren „liebsten Schatz“ Vita Sackville-West schreibende Virginia Woolf auf einer langen Reise, und kann Else Lasker Schülers Skizzen vom Farbspektrum des Herzens bestaunen. Und in vielen weiteren poetischen bis rauen Liebesbekenntnissen schmökern. Susa

„Schreiben Sie mir, oder ich sterbe.“ Liebesbriefe berühmter Frauen und Männer. Hg. von Petra Müller und Rainer Wieland. 296 Seiten, Piper, München-Berlin-Zürich 2016 EUR 40,10

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