Genie im Kollektiv

Stell dir vor, du liest ein Interview und du weißt weder, wer es geführt, noch wer die interviewte Person ist. Und dann liest du noch Prosa, Lyrik, theoretische Überlegungen über Literatur und den Literaturbetrieb und findest da ebenfalls keine Namensangaben. Klingt spannend? Ist es auch. Die zweite Ausgabe von Politisch Schreiben wagt genau dieses Experiment und zwingt die Lesenden mehrere Dinge zu hinterfragen: Zum Beispiel, ob das Geschlecht eine Rolle spielt. Oder die Herkunft einer Person. Und ganz intensiv, was es mit einer Person selbst macht, wenn sie diese und andere Angaben nicht kennt. Es zwingt zudem, sich auf einer weiteren Ebene mit dem Thema des Heftes auseinanderzusetzen: Genie wider Kollektiv. Das erste, das eng mit Einzelpersonen verknüpft ist, das zweite, das nur mit mehreren Personen funktioniert. Wann und ob ein Beitrag nun von einer oder mehreren Personen geschrieben wurde, ist nicht immer so ganz ersichtlich. Und dann ist da noch die dritte Ebene, die Inhalte der Beiträge, die noch einmal anders über Genie und Kollektiv und Literatur nachdenken lassen. Beim Lesen springt eins zwangsläufig zwischen den verschiedenen Ebenen herum, revidiert zwischendurch auch zuvor Gedachtes. PS #2 bringt viele Gedankenanstöße, regt zum Diskutieren an, macht neugierig und fordert heraus. Bitte weiter so! Bitte mehr davon!

Ulli Koch

PS – Politisch Schreiben. Anmerkungen zum Literaturbetrieb Nr. 2: Genie wider Kollektiv. Hg. von Kunst & Lügen e.V.  260 Seiten, Leipzig 2016 EUR 10,00

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

16 + vier =