Graues Potpourri

Den Rahmen dieses Buches bilden regelmäßige Treffen der 82-jährigen Großmutter mit ihrer studierenden Enkelin, in denen die Lebensumstände junger Frauen im Jahr 1955 und in der Gegenwart im Zentrum stehen. In Rückblicken erzählt die Großmutter von ihrem und dem Leben ihrer Freundin als Sekretärinnen in der noch jungen Hauptstadt Bonn am Rhein. Sie selbst stammt aus einem Dorf in der Eifel und wohnt zur Untermiete, ihre Freundin lebt bei einer adeligen Verwandten in einer Villa in Bad Godesberg. Das Leben der jungen Frauen ist durch geringen Lohn und traditionelle Geschlechterrollen beengt. Das hindert sie jedoch nicht daran, das Beste aus verschiedenen Situationen zu machen. Die Ausschau nach einer guten Partie spielt dabei eine große Rolle. Die Suche nach gestohlener Spitzenunterwäsche und der Fund einer Wasserleiche stehen am Beginn einer sich beschleunigenden Handlung, in der sich diverse Verehrer, eine Woche in London, ein nach Rasierwasser stinkender Grabscher, Agententätigkeiten, eine Cousine aus der DDR und die Spazierstocksammlung der verwandten Gräfin zu einem Potpourri vermischen. Im Gedächtnis bleibt der unbedingte Aufstiegswille der Freundin der Großmutter.

Ingrid Noll hat bereits viele Auszeichnungen erhalten. Ich sehe daher die graue und stellenweise zähe Erzählweise als ein beabsichtigtes Stilmittel, das die Atmosphäre im Bonn der 1955er Jahre beschreiben soll.

Erna Dittelbach

Ingrid Noll: Halali. 320 Seiten, Diogenes, Zürich 2017 EUR 22,70

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