Im Schatten des Vesuvs

Zum Glück ist „Meine geniale Freundin“ der erste Band der Neapoletanischen Trilogie von Elena Ferrante – es werden noch zwei weitere folgen. Im Mittelpunkt stehen Beginn und Entwicklung einer besonderen Beziehung, einer Freundinnenschaft zwischen zwei Mädchen, die sich von der Volksschule über die Jahre zum existenziellen Seelenmittelpunkt entwickelt. Die Ich-Erzählerin richtet den Blick, bar jeglicher Romantisierung, auf das Arbeiterviertel ihrer Jugend, die Familien, die Straßen, die Häuserblocks. Sie beschreibt den unvermeidlichen Klatsch, alltägliche familiäre Gewalt, Bündnisse und Zusammenhalt, Heuchelei, Intrigen und Streitereien. Schlägereien sind unter den Mädchen an der Tagesordnung. Mafiöse Geschehnisse und patriarchales Despotentum begleiten den Alltag. Vor diesem Hintergrund entwickelt die Autorin ein verschlungenes Doppelporträt der beiden Mädchen, das bestechend genau viele Facetten der Freundinnenschaft offenlegt: zwischen Eifersucht und Hingabe, Versuche sich gegenseitig zu übertrumpfen bis zur grenzenlosen Bewunderung und schließlich der Erkenntnis, dass nur im Spiegel der anderen das eigene Leben bedeutsam wird. Ferrantes klarer Stil lässt Szenenfolgen entstehen, als sähe man die Ereignisse auf der Kinoleinwand. Eindrucksvolle Bilder wie aus dem Neorealismo werden mit dem gnadenloseren Blick einer Frau inszeniert. Susa

Elena Ferrante: Meine geniale Freundin. Kindheit, frühe Jugend. Aus dem Ital. von Karin Krieger. 422 Seiten, Suhrkamp, Berlin 2016 EUR 22,70

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