Kein Ausblick auf der hinteren Veranda

30 sozialkritische Erzählungen der amerikanischen Autorin Lucia Berlin, die sie in den 1960er bis 1980er Jahren geschrieben hat, sind nun ins Deutsche übersetzt worden. Es sind Reflexionen über missglückte Lebenssituationen, literarische Korrekturversuche der verlogenen Sicht des american way of life. Weibliche Protagonistinnen stehen im Mittelpunkt, die selten die Sonnenseite des Lebens kennenlernen. Sie gewinnen darüber, dass sie bei allen äußeren Widrigkeiten, die ihnen das Leben beschert, durchhalten und versuchen, die äußere Fassung zu bewahren. Tatsächlich halten sie durch! Details in den Erzählungen verweisen darauf, dass die vorgestellten Frauen zueinander in Verbindung stehen. Es lässt sich ein roter Faden spinnen. Es werden soziale Härtesituationen unter die Lupe genommen, egal an welchem Ort, ob im Krankenhaus, in der Entziehungsanstalt, in der Schule, im Gefängnis oder im Waschsalon. Die Akteurinnen sind sympathisch, bleiben menschlich, suchen Halt am nahenden Abgrund. Ihre Beziehungen stimmen nicht, Geld ist knapp, Drogenbeschaffungsprobleme und Drogenexzesse sind an der Tagesordnung. Es braut sich ständig etwas zusammen, was über die eigenen Belastungsgrenzen geht. Die jeweils beschriebene Frau hätte es verdient, zurück an den Start zu gelangen, um nicht missbraucht, geschlagen, gedemütigt oder ausgenutzt zu werden. Berlin will keine Heldengeschichtsschreibung, sondern Frauen in alltäglichen Krisensituationen zeichnen. Jedenfalls halten die Frauen mehr als die Leserin aus. Heftig, gut beobachtet! ML

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe. Aus dem amerik. Engl. und mit Vorwort von Antje Rávic Strubel. 382 Seiten, Arche, Berlin 2016 EUR 24,80

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