Können wir so leben?

Kate will sich von dem Mann trennen, der verheiratet ist und nur beim nächtlichen Hundespaziergang noch vorbeikommt, um sich dann von ihr nach Hause bringen zu lassen. Eine Woche mit ihm hätte sie gerne, aber die bekommt sie nicht. Sie flüchtet nach Irland, in ein Land, in dem alle Menschen sich gegen sie verschworen zu haben scheinen, mitten hinein in die pechrabenschwarze Nacht. Der Plot ist banal, aber Renata Adler ist eine Sprachvirtuosin, die wahrscheinlich aus jedem Plot ein Kunstwerk schaffen kann. Sie taucht in Erinnerungen ein, gibt Gesprächsfetzen wieder, die eine Beziehung skizzieren, der sie, zumindest vorübergehend, entkommen will. Collagenhaft entsteht ein Bild von Kates Leben, das weniger über Kate verrät, als über die Gesellschaft der frühen 1980er Jahre, in der sie lebt. Adlers unverkennbarer Humor in dem erstmals 1984 erschienenen Roman zeigt sich in der Beschreibung der „besseren Kreise“: „Nicoles Akzent habe ich auf Anhieb erkannt. Berlinerisch […] Ich frage Nicole wo sie herkommt. Sie antwortet, Aus Chicago […] und vorher aus Minneapolis. […]“ Im späteren Gespräch erzählt Nicole von ihrem Papa, der „wie alle Papas“ Mannschaftskapitän war; nicht Eishockey, U-Boot. „Daheim in Chicago? frage ich mich, Oder in Minneapolis?“ Die Liebe ist auch nur „eine Gewohnheit“, wenn auch nicht wie jede andere. Kate wird zurückkehren und es wird sich weisen, ob sie so leben kann.
 Paula Bolyos
Renata Adler: Pechrabenschwarz. Roman. Aus dem Amerikanischen von Helga Huisgen. 230 Seiten, Suhrkamp, Frankfurt/M. 2015 EUR 20,60

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