Krankheiten sind Dämonen zuzuschreiben

Princeton 1905. Slades, Burrs, Wilsons sind nur einige Familien der alteingesessenen Elite des Universitätsstädtchens. Ihr Überlegenheitsgefühl ziehen sie aus fröhlich, frömmelnder Selbstgerechtigkeit, Rassismus und gänzlich unreflektierter Bigotterie. Und nun sehen sie sich auch durch einen vermeintlichen Fluch vereint, der die Familien nachhaltig dezimiert. Von Vampiren und New-Jersey-Teufeln wird gemunkelt. Ehemalige und zukünftige Staatspräsidenten ergeben sich gleichermaßen exzessiv dem Drogenkonsum und Übergewicht. Eng ins Korsett geschnürt suchen Töchter und Ehefrauen nach Auswegen aus den konventionellen Erwartungen, die ihnen allesamt übergestülpt wurden. So legt sich Adelaide Burr nach einer erschreckenden Hochzeitsnacht kurzerhand eine mysteriöse Krankheit zu und entzieht sich so erfolgreich ihrer ehelichen Pflichten. Meta Sinclair ist seit ihrer Heirat mit Upton zwar das Korsett losgeworden, erlebt aber in der gelebten sozialistischen Utopie sonst nur wenig Verbesserung der ihr zugedachten Rolle. Eine Braut wird vom Traualtar entführt, schnell wird Übernatürliches dahinter vermutet, die sorgsam gehegte soziale Ordnung bekommt Risse und fordert Opfer. Doch sind die mysteriösen Vorfälle tatsächlich etwas Übernatürlichem geschuldet? Joyce Carol Oates packt die Handlung ihrer Gothic Novel ausgesprochen dicht, lässt eine Vielzahl von Stimmen zu Wort kommen und führt die Leserin neckisch in die Irre. Sprachlich macht sie sich die langatmige Umständlichkeit der Epoche zu Nutze. Dass sie dabei gelegentlich etwas übertreibt, schadet der Atmosphäre keineswegs. bw

Joyce Carol Oates: Die Verfluchten. Roman. Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz. 752 Seiten, S. Fischer, Frankfurt/M. 2014 EUR 27,80

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