Lebensmotiven auf der Spur

Was für ein Titel: „Exzess und Entsagung“. Unter diesem Spannungsbogen macht sich die Literaturwissenschafterin Petra Bürger auf die Suche nach „Lebensgebärden“ bekannter und noch zu entdeckender Autorinnen. In der Gebärde vermittelt sich, wie im Kunstwerk, eine individuelle Wirklichkeit. In ihr verdichten sich Leben und Charakter. Anders als die Geste meint die Gebärde keine einmalige Aktion, sondern stellt die Sehnsucht nach einer gelebten Form dar. Die Autorin beschreibt sich selbst als eine, die sich in mimetischer Haltung auf die Suche macht. Ihre fantastische mimetische Begabung lässt sie die Leserin mühelos in nahe und ferne Zeithorizonte entführen und einen Sprachreichtum fernab von nostalgischer Künstlichkeit genießen. So entstehen lebendige Skizzen, etwa von Caroline Schlegel-Schelling und ihrer Praxis eigenständiger Lebensgestaltung. Es folgen Essays zu Karoline von Günderode, Adele Schopenhauer, Lou Andreas-Salomé, Claire Goll, Colette Peignot, Regina Ullmann, Marieluise Fleißer und Simone de Beauvoir. Emmy Hennings Aufzeichnungen ihrer Mitgefangenen versteht Bürger als Begründung der Sozialreportage. Über die innere Grazie einer Figur von Annette Kolb schreibt sie: „Sie lebt anderswo, fliegend oder fallend, wie ein Vogel, an den gefährlichen Abhängen des Lebens.“ Ähnlich ließe sich die Grundsituation der Autorinnen an sich formulieren. Das Buch eröffnet einen literarischen Raum, der die Enge des üblichen männlich dominierten Kanons sprengt.

Susa

Christa Bürger: Exzess und Entsagung. Lebensgebärden von Caroline Schlegel-Schelling bis Simone de Beauvoir. 191 Seiten, Wallstein, Göttingen 2016 EUR 20,50

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