Legende ist „das, was zu lesen ist“

Es gibt Lektüren, die sich zensierender Auffassung entziehen. „Im selben Augenblick da ich glaube, endlich verstanden zu haben, bin ich weiter denn je vom Verstehen entfernt.“ Eva Meyer, Philosophin, Schriftstellerin, Künstlerin war in meiner Studienzeit eine der intellektuellen Stars am feministischen Himmel. Ihr Buch „Zählen und Erzählen. Für eine Semiotik des Weiblichen“ 1983 (NA 2013) eröffnete der damals schon kleinen Gemeinde von Theorieliebhaberinnen Un-/Denkbares und das Versprechen, dass Theorie anderes und mehr ist als Wissenschaft und identifizierende Benennung. Kleists „allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“, ein in ihren Publikationen wiederkehrendes Motiv, läßt sich auf die Schreibweise übertragen. „Denn nicht wir wissen, es ist allererst ein gewisser Zustand unserer, welcher weiß“ (Kleist). Es ist die Sprache, die erinnernd und wiederholend (mit einigen wie Hegel, Heidegger, Benjamin, Freud, Arendt) und niemals kausal oder linear uns einholt. Wir lesen u.a. zu Virginia Woolfs Orlando, Gertrude Steins Autobiographie von Alice B. Toklas, Elfriede Jelineks Neid, der Künstlerin Ketty La Rocca, der Künstlergruppe Knowbotic Research. Wobei, für ein nächstes Mal: hilfreich wäre die Aufklärung des jeweiligen Entstehungskontextes des Dargebotenen. Zu welchem auch gehört, was der Cyberspace mit dem biblischen Schöpfungsmythos zu tun hat oder wie feministische Filmtheorie einen Unterschied macht. Hierbei ist die Sprache als Schrift eine „Sichtbarkeitsressource für das Unvorhersehbare“. Immer in Geltung: das Partielle, Offene, Plurale; ein Sprechen im Zustand einer niemals vollständigen Interpretation. Birge Krondorfer

Eva Meyer: Legende sein. 167 Seiten, Stroemfeld Roter Stern, Frankfurt a. M.-Basel 2016  EUR 18,60

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