Normativität revisited

Dieser Sammelband spannt die Ergebnisse einer Tagung am Marburger Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung zur vielschichtigen theoretisch-politischen Auseinandersetzung mit Normativitäten auf. Dabei referieren die Autor_innen auf historische und aktuelle Entwicklungen in den kritisch-feministischen Wissenschaften zu Normativität begriffen als historische Ordnungen und reflektieren zugleich die in diesen Wissenschaften erhobenen – oft umstrittenen – normativen Ansprüche gesellschaftlicher Veränderung. Da ist es nur konsequent, dass Normativität in dem Band nicht nur als destruktives Moment der Unterdrückung und Ausgrenzung verstanden wird, sondern auch als notwendige Orientierung im sozialen und politischen Raum. Normativität wird dafür als stets temporär und als Aushandlungspraxis gedacht, die möglichst viele Sprecher_innenpositionen berücksichtigt und Kopf-, Hand- und Gefühlsarbeit reintegriert. Bemerkenswert an dem Band ist, dass die Autor_innen auch die strukturell-normativen Bedingungen des aktuellen Wissenschaftssystems nicht aus den Blick verlieren und immer wieder auf die eigenen Bedingungen in der Produktion kritischen Wissens rekurrieren. Normativ angelegte feministische Utopien von „gutem Leben“, von „Gleichheit“, „Solidarität“ und „Freiheit“ sind – so eine Einsicht der Autor_innen – immer fragil und in Gefahr, sich in neuen Fixierungen, wie sie beispielsweise aktuell in manchen Diskurssträngen der Postcolonial Studies und Whiteness-Studies zu beobachten sind, zu verfangen. Roswitha Hofmann

Ambivalenzen  der Normativität in kritisch- feministischer Wissenschaft.  Hg. von Karolina Dreit, Nina Schumacher, Anke Abraham und Susanne Maurer.  288 Seiten, Ulrike Helmer Verlag,  Sulzbach/Taunus 2016 EUR 20,60

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