Performance und Politik

Gerburg Treusch-Dieters Vortrag war Performance im besten Sinn: Sprache und Körper als chiastische Einheit, ein Schau-Spiel, das die Erotik des Körpers mit der des Geistes verband und den Prozess des Denkens zur sinnlichen Aufführung brachte. Als Lehrende war sie intensiv und berauschend wie eine antike Dramengestalt. Mitzuerleben wie sie komplexe Gedankengänge entwickelte war eine Erfahrung, die die Zuhörenden selbst zu neuen und unkonventionellen Perspektiven anregte. Ihre Weigerung sich einzuordnen, ihre Inter- und Transdisziplinarität wurden nicht mit einer klassischen akademischen Karriere belohnt, machen jedoch die Vielfalt der vorliegenden Textsammlung zum Genuss. Wie unbeschwert und humorvoll sie an schwer verdauliche Kost wie Gewalt im Geschlechterverhältnis, Gen- und Reproduktionstechnologie und Pornographie heranging, war befreiend und inspirierend, sie hat Theoriegebäude lebendig und bewohnbar gemacht: Kritische Theorie, feministische Theorie, Dekonstruktivismus, Foucaults Diskurs- und Machtanalyse werden in Treusch-Dieters eloquenten Texten zu lustvollen Erkundungsreisen. Biomacht, die Entwertung von Körperlichkeit, die „Austopfung des Lebens“ aus dem Frauenkörper: Über die „geschlechtslose WunderBarbie“, Mutter-Tochter-Genealogien und patriarchale Schuldzuweisungen im Demeter-Kore-Mythos bis zur subtilen subversiven Kraft von Irigarays Mimesis-Konzept – ein 670 Seiten starkes Lesebuch wie ein wunderbar opulentes Festmahl. Bettina Zehetner – Institut für frauenspezifische Sozialforschung Wien

Gerburg Treusch-Dieter. Ausgewählte Schriften, Hg. von Edith Futscher, Heiko Kremer, Birge Krondorfer und Gerlinde Mauerer. Mit einer Einleitung von Elisabeth von Samsonow und einem Nachwort von Oskar Negt. 670 Seiten, Turia und Kant, Wien 2014  EUR 40,00

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