Radikale Bodenlosigkeiten

Ein neu aufgelegtes Kult-Buch, das vor 20 Jahren publiziert wurde und ein neues Genre begründete: Experimentelle und zugleich autobiografische Bekenntnisliteratur. „I love Dick“ von Chris Kraus ist eine Art Delir, eine mehr imaginierte als reale psycho-sexuelle Schwärmerei einer fix liierten, psychisch instabilen, heterosexuellen Frau für einen akademischen Arbeitskollegen ihres Mannes. (Wobei die beschriebenen Protagonist_innen mit ein bisschen Recherche identifizierbar sind.) Die zwei Teile des Buches unterscheiden sich stark – so anachronistisch (Faxgeräte und Postmoderne), stalkerhaft und intrusiv die Liebesobsession für Dick im ersten tiradenhaften Teil wirkt – voller radikaler bis wahnhafter Bodenlosigkeiten – so bleibt der zweite theoretische und kulturjournalistische Teil aktuell. Mehr und mehr kreist das Begehren von Chris Kraus um die Reflexion weiblichen Begehrens an sich, um Fragen nach ökonomischer Abhängigkeit, bad feminism, um „Widerspruchstaumel“ und elitistisch-intellektuelle Hybris, um Karrierewünsche und die Minderwertigkeitsgefühle, doch nur eine Adabei zu sein; Dick wird zur männlichen Muse. Chris Kraus betreibt in ihrem Buch künstlerisch-theoretische Forschung: Eine Fallstudie darin, etwas zu tun und es gleichzeitig zu erforschen und das zu besitzen, was einer widerfährt. Für mutige Leser_innen empfohlen. (Und bald Vorlage für eine Amazon-Serie von Jill Soloway.) Judith Fischer

Chris Kraus: I love Dick. Aus dem Amerik. von Kevin Vennemann. 296 Seiten, Matthes & Seitz, Berlin 2017 EUR 22,70

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