Selfie in Öl auf Leinwand

Beinahe 80 ist Sofonisba Anguissola, als sie sich 1610 in einem roten Stuhl sitzend porträtiert, das Alter sichtbar gemacht, das Selbstbewusstsein ebenso. 80-jährig malt sich auch Alice Neel nackt in einem Fauteuil, den Pinsel in der Hand, kurzes weißes Haar, ein Bildnis in knalligen Farben, orange der Boden, die Schatten grün – ein viertel Jahrtausend nach Anguissola. Als „gemalte Autobiografien“ liest Frances Borzello die Selbstporträts der „abendländischen Malerinnen vom Mittelalter bis zur Moderne“. In den 1990er-Jahren schrieb Borzello ihr Werk „Wie ich mich sehe“ und legte damit das weibliche Selbstporträt als eigene künstlerische Kategorie fest. Für die Neuauflage hat sie es zwanzig Jahre später kaum überarbeitet, aber um viele Künstlerinnen ergänzt. Geht es im Selbstporträt jahrhundertelang um die Darstellung als eigenständige Künstlerin, darum zu zeigen, wie frau unter spezifischen ökonomischen, räumlichen, sozialen Umständen ihr Werk schafft, so wendet es sich im 20. Jahrhundert in eine radikal andere Richtung: Der Angriff auf den weiblichen Körper wird thematisiert, aber auch seine neue Selbstverständlichkeit, der Blick auf sich selbst, der den Blick des männlichen Malers auf sein weibliches Modell nicht nur ablöst, sondern konterkariert. „Wie ich mich sehe“ ist nicht nur kunsthistorisch relevant, es regt auch an, den Bezug zu den eigenen künstlerischen Arbeitsbedingungen und zum eigenen Körper zu überdenken – und erweckt beim Durchblättern der farbigen Repros aus mehr als fünf Jahrhunderten durchaus den Wunsch, man könne mit leichtem Pinselstrich ein Abbild von sich selbst schaffen. Lisa Bolyos

Frances Borzello: Wie ich mich sehe. Frauen im Selbstporträt. 272 Seiten, Brandstätter, Wien 2016  EUR 29,90

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