Verdichtete Leben

Alice Munro geht es um Lebensgestaltungen, um Wendungen und Entscheidungen, die Menschen treffen. Bei jeder ihrer Geschichten von rund 60 Seiten braucht es kaum eine Seite, um sich gleich mitten im Geschehen zu befinden. Es ist die besondere Gabe dieser Autorin, leichtfüßig und zugleich in hoher Dichte zu schreiben, von Frauen, die während des Stillens lesen oder rauchen, von großer Liebe, großartigem Sex und monotonem Alltag, dem ihre Protagonist_innen auch mal entrinnen. Mit wenigen Sätzen werden Aussehen und Charakter dieser Personen plastisch, wie sie durchs Leben straucheln, sich in Erinnerungen verfangen, die belanglos erscheinen mögen – wenn Literaturnobelpreisträgerin Munro darüber schreibt, wird dies spannend, berührend und regt zum Nachdenken an. Der nun erschienene Band versammelt sieben Erzählungen, die in deutscher Übersetzung seit 2000 in verschiedenen Ausgaben erschienen sind. Mit dabei ist auch „Die Dimensionen eines Schattens“, ihre allererste Publikation von 1950, die nach der deutschen Erstveröffentlichung in einer Zeitung nun erstmals in Buchform vorliegt. Auf nur 13 Seiten wägt sie in der Gedankenwelt einer Lateinlehrerin und dem anschließenden Dialog mit einem Schüler das Verhältnis von Fiktion, Wahrheit, Träumen und Wahnsinn zueinander ab.

Es seien dies die „schönsten Erzählungen“ von Munro – wie immer das entschieden wurde. Lesenswert – und als wunderschöner Band auch ein Geschenktipp – sind sie allemal! meikel

Alice Munro: Ferne Verabredungen. Die schönsten Erzählungen. Aus dem Engl. von Heidi Zernig. Mit einem Nachwort von Manuela Reichart. 440 Seiten, S. Fischer, Frankfurt/M. 2016 EUR 23,70

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