Vom Suchen nach dem Ende des Glücks

Die Protagonistin Ragna arbeitet für ein Forschungsprojekt, das untersucht, warum es Menschen ab der Lebensmitte in die Landschaften ihrer Kindheit zieht – unabhängig davon, ob diese glücklich war. Ragna führt Interviews mit Frauen und Männern, die als Erwachsene in irgendeiner Form zurückgekehrt sind. Einer, den sie sucht, ist Kolja, die große Liebe ihrer Schulzeit. Die Suche führt sie in die Landschaft ihrer eigenen Jugend, der deutschen Nordseeküste, und mitten hinein in ein gemeinsam durchlebtes Trauma. Von den beiden Verlieb¬ten unbemerkt war Koljas jüngere Schwester bei einem Schwimmunfall beinahe ertrunken. Ihr Gehirn hatte bleibenden Schaden genommen, das Mädchen lebt fortan im Wachkoma.

Held dröselt die Geschichte von zwei Enden her auf – von der erwachsenen Ragna, die nach den fehlenden Puzzle-Teilen in ihrer Erinnerung sucht, und vom jugendlichen Kolja, der verstört und voller Schuldgefühle in einer von Grund auf veränderten Realität wieder Fuß zu fassen sucht. Sein „Zauberberg“ wird die Spezialklinik für Kinder mit Wachkoma. Unaufgeregt, präzise und berührend erzählt der Roman vom Leben der Angehörigen und Pflegenden von Menschen im Wachkoma, vom täglichen Suchen und Erfinden einer scheinbar nicht möglichen Kommunikation. Und vermittelt nebenbei eine Menge Wissen über mentale Vorgänge. Ein Roman, der eine in seinen Bann zieht, geschrieben von einer, die ihr Handwerk versteht.

Martina Kopf

Monika Held: Sommerkind. 223 Seiten, Eichborn, Frankfurt/M. 2017 EUR 20,60

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