Von wilden Hühnern und wilden Kerlen

Die Autorin Kerstin Böhm analysiert in ihrer Dissertationsschrift Geschlechterrepräsentationen und -verhältnisse in der Kinder- und Jugendliteratur. Die Literaturwissenschafterin fragte sich in ihrer Ausbildung von Lehrer_innen, welche Texte Schüler_innen lesen und wie Texte, die an ein bestimmtes Geschlecht gerichtet sind, selbst wieder Geschlecht inszenieren. Bücher für Kinder und Jugendliche dienen neben der Leseförderung schließlich seit jeher auch der Sozialisation. Die Autorin bezieht sich vor allem auf kommerziell erfolgreiche Werke wie „Die Wilden (Fußball-)Kerle“ und „Die Wilden Hühner“. Diese sind offen geschlechtsspezifisch adressiert sowie in Medienverbünde eingebettet. Sie arbeitet heraus, dass entsprechend geschlechtlich markierter Zielgruppen besondere Strategien der Inszenierung von Geschlecht erfolgen. Eine binäre Geschlechterordnung wird durch die Genretrennung in Mädchen- und Jungenliteratur bereits festgeschrieben. „Mädchenliteratur“ wird zudem als solche explizit benannt, während „Jungenliteratur“ meist noch das „Neutrale“ darstellt und den androzentristischen Blick belegt. Zwei immanente Strukturen werden deutlich: die „Archaisierung“ als Wiederbelebung männlicher Heldenfiguren und Mythen sowie die „Pinkifizierung“ in Form der Objektifizierung und Sexualisierung weiblicher Körper. Veraltete Geschlechterstereotype arbeiten so aktuell hegemonialer Männlichkeit zu. Klare Leseempfehlung an alle gender- und literaturwissenschaftlich Interessierten.

Anja Trittelvitz

Kerstin Böhm: Archaisierung und Pinkifizierung. Mythen von Männlichkeit und Weiblichkeit in der Kinder- und Jugendliteratur. 195 Seiten, transcript, Bielefeld 2017 EUR 30,90

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