Wahrheit oder Wirklichkeit?

Delphine ist eine französische Autorin. Ihr letzter Roman wurde ein absoluter Bestseller. Darin erzählt sie ihre eigene, schmerzliche Lebensgeschichte, die im Selbstmord ihrer Mutter gipfelt. Der immense Erfolg dieser autobiografischen Erzählweise bringt ihr aber auch Feinde ein, die ihr das rücksichtslose Erzählen der unabgeänderten Wirklichkeit übel nehmen. Auf einer Party lernt sie L. kennen, deren geheimnisvolles Anderssein sie anzieht. Die beiden werden Freundinnen, L. schreibt ebenfalls, sie ist Ghostwriterin. Delphine fühlt sich von L. endlich verstanden und aufgrund ihrer vielen Gemeinsamkeiten erzählt sie ihr sogar vom geplanten nächsten Buch – einem fiktionalen Roman. Schließlich scheint sich das Leben von Delphine immer mehr mit L. zu verwickeln und bald ist es selbst Delphine nicht mehr klar, wo L. aufhört und sie beginnt. Delphine de Vigan überträgt viele ihrer autobiografischen Eckpunkte auf die Protagonistin. Sie spielt mit Wirklichkeit und Fiktionalität und springt souverän zwischen den Metaebenen herum, sodass man sich zwangsläufig mit der Frage nach literarischer Authentizität konfrontiert sieht – was ändert es an einer Erzählung, wenn sie den Zusatz „Nach einer wahren Geschichte“ hat? Geht es uns nur um die „Wirklichkeit“ oder kann die Wahrheit nicht auch in Fiktion stecken? Ein sehr spannender, redegewandter Roman, der zum Nachdenken anregt. Eva Csitkovics 

Delphine de Vigan: Nach einer wahren Geschichte. Aus dem Franz. von Doris Heinemann. 350 Seiten, DuMont Buchverlag, Köln 2016 EUR 23,70

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