Welt des Weibes ist Welt der Schwäche

Als jüngere Schwester Friedrich Nietzsches in eine Pfarrersfamilie geboren, hatte Elisabeth Nietzsche im Gegensatz zu ihrem Bruder niemals die Chance auf eigene Bildung oder eine eigene berufliche Entwicklung. Die Teilhabe am öffentlichen oder geistigen Leben war für die energievolle junge Frau nur über die Werke eines Mannes möglich. Elisabeth und Friedrich waren eng verbunden. Er das Genie und sie seine Helferin und Vertraute. Als Friedrich, immerhin schon 37-jährig, sich erstmals für eine andere Frau, die junge Lou von Salomé, interessiert, beginnt ein konflikthafter Prozess, der auch nach Friedrichs Tod noch nicht zu Ende zu sein scheint. Die Schwester greift machtvoll in das Vermächtnis ein, sammelt und sichtet seine Werke, gründet in Weimar das Nietzsche Archiv, unterstützt die Vereinnahmung seines Werkes durch die NationalsozialistInnen, schreibt Texte in seinem Namen und betätigt sich als Herausgeberin. Immerhin wurde sie dafür drei Mal für den Nobelpreis nominiert. Auf 650 Seiten entwickelt die Autorin das Leben der Elisabeth Förster-Nietzsche. Fundiert recherchiert mit spannenden sozialhistorischen Analysen und großem Humor beschreibt sie das Leben einer aktiven, selbstbewussten Frau, die sich nicht mit den Rollen als Ehefrau und Mutter zufrieden geben wollte. In einer frauenverachtenden Umwelt trat sie über das Werk ihres Bruders öffentlich in Erscheinung und erlaubte sich Umgestaltungen, die ihrem Weltbild entsprachen.

Katja Russo

Kerstin Decker: Die Schwester. Das Leben der Elisabeth Förster-Nietzsche. 653 Seiten, Berlin Verlag, München-Berlin 2016 EUR 24,70

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