Wien – gestern und heute

Susanne Scholl spannt in ihrem in Wien spielenden Roman „Wachtraum“ einen weiten Bogen von der Zeit des Zweiten Weltkriegs in die Gegenwart und wechselt dabei immer wieder zwischen der Sicht ihrer wichtigsten ProtagonistInnen. Fritzi wächst in der Zwischenkriegszeit in einer jüdischen Familie in Wien auf. Gemeinsam mit ihrer Schwester flieht sie nach England, wo sie den ebenfalls aus Wien stammenden Theo heiratet. Gemeinsam entscheiden sie sich nach dem Krieg, nach Österreich zurückzu-kehren. Dort kommt ihre Tochter Lea zur Welt. Lea lernt schnell, dass das Leben zwei Seiten hat: die lebensfrohe und die depressive Mutter, der große Freundeskreis und die zahlreichen Leerstellen, hinterlassen von denen, die ermordet wurden oder sonst im Krieg umgekommen oder verschollen sind, der liebevolle Vater und der, der die Familie verlässt. Doch Lea glaubt an die Zukunft, studiert, heiratet, bekommt Kinder und versucht auch ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Wenn nur die wiederkehrenden Alpträume nicht wären. Und immer noch gibt es Krieg in der Welt, viele Menschen fliehen, kommen auch nach Österreich und stoßen hier Erinnerungen an. Leas Kinder gehören zu denen, die helfen wollen und deren Engagement auf die Härte der Realität prallt. Ein sehr dichter Text, der viele Themen anstößt und betroffen macht. Eine Zurschaustellung unserer Gegenwart im Schlaglicht der Vergangenheit und von Mechanismen mit dem zerstörerischen Potenzial, den Menschen immer wieder weh zu tun. Ein wichtiges Buch, das hoffentlich weite Verbreitung finden wird.

ESt

Susanne Scholl: Wachtraum. 219 Seiten. Residenz Verlag, Salzburg-Wien 2017 EUR 22,00

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