Wundersame Wahrnehmung

Wer sich für Ungereimtheiten und Auslegungsvarianten interessiert, der liegt bei der kanadisch-amerikanischen Autorin goldrichtig. Ob Traumepisoden, Psychosen oder die konstruierte Wirklichkeit wiedergegeben werden, die Gedankenspiele der unterschiedlichen Ich-Erzählerinnen sind in den Kurzgeschichten nicht so leicht in einen logischen Zusammenhang zu bringen. Wir bewegen uns in Oklahoma, New York oder Mexiko City, und die Protagonistinnen sind vielschichtig: Die alleingelassene Ehefrau regt sich darüber auf, dass der Ehemann die Parmesanreibe entwendet hat. Dass dieser im Internet einen Blog zum Thema „ich hasse meine Frau“, betrieben hat, verdient von der Erzählerin nicht weiter Aufmerksamkeit. Eine Tochter beklagt, dass ihre Mutter, die Immobilienmaklerin, nicht zuhören kann und die versprochene Erbschaft nicht herausrückt. In einer anderen Kurzgeschichte geht es um die erste Verliebtheit eines Mädchen, die zwar unerhört bleibt, aber für die Verliebte als Ausschnitt das eigene Leben für immer begleitet. In all diesen Geschichten bleibt die Leserin eine nach rationalen Erklärungen Suchende, die Feingefühl benötigt, um einer Wahrheit näher zu rücken. Es ist nicht wichtig, was sichtbar ist, sondern was sich für die Menschen dahinter verbirgt, dieses gilt es zu entschlüsseln. Es stellt sich die Frage, was ist abstrus – die komplexe Wirklichkeit oder unsere feinschliffige Wahrnehmung? Interessant!

ML

Rivka Galchen: Amerikanische Erfindungen. Aus dem amerik. Engl. von Grete Osterwald und Thomas Überhoff. 203 Seiten, Rowohlt, Reinbek/Hamburg 2016 EUR 20,60

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