Zerstörte Vielfalt

Der Roman der in Serbien lebenden Autorin spannt sich von der Ermordung des Kronprinzen Ferdinand bis zum Ausklingen des Zweiten Weltkrieges. Im Mittelpunkt stehen Blanki, Riki und ihre drei Schwestern der in Sarajevo lebenden sephardisch-jüdischen Familie Salom. Es zeichnet sie aus, dass sie bereit sind, ihr kulturelles Erbe in Frage zu stellen, indem sie emanzipiert die Nähe zu Männern suchen, die außerhalb der jüdischen Community stehen. Riki wird mit eiserner Disziplin, umgeben von der Belgrader Bohème, gefeierte Balletttänzerin, bis sie aufgrund einer schlecht auskurierten Verletzung ihre Karriere beenden muss und Modistin wird. Blanki verliebt sich in einen katholisch-orthodoxen, serbischen Zeitungsherausgeber und Lebemann, mit dem sie trotz aller gesellschaftlicher Vorbehalte und der Ächtung seiner Familie jahrelang in wilder Ehe lebt. Neben diesem Mikrokosmos entwickeln sich zwei Weltkriege und eine massive wirtschaftliche Krise, die eine multikulturelle Gesellschaft auseinanderbrechen lassen. Der Roman gewinnt mit zunehmender Seitenanzahl auf der Makroebene an historischen Argumenten, wie nach Ende des Zweiten Weltkrieges eine Gesellschaft nur oberflächlich zusammengeführt werden konnte. Die tiefen Spuren kultureller Ressentiments waren bereits ausgebildet und dienten bekanntlich Jahrzehnte später dem Zerfall der jugoslawischen Gesamtgesellschaft. ML
Gordana Kuić: Der Duft des Regens auf dem Balkan. Roman. Aus dem Serbischen von Blažena Radas. 440 Seiten, Hollitzer Verlag , Wien 2015 EUR 24,90

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