Kategorie: Kurzprosa

Eine unerwartete Text- und Gedankenwelt

Lydia Davis schreibt Kurzgeschichten, die wie Gedichte wirken, sehr malerisch, zum Teil fragmentarisch. Als würde sie beim Telefonieren mit Freundinnen Beziehungen, Erinnerungen reflektieren und dabei kleine Notizen niederschreiben. Ihre Gedanken sind ernst wie von Ingeborg Bachmann und anarchisch egozentrisch, als hätte Hermes Phettberg sie unterstützt. Man hat das Gefühl, noch...

Die Subalternen!

Nun ist der zweite Erzählband der bereits 2004 verstorbenen amerikanischen Autorin Lucia Berlin veröffentlicht worden. Ihre HeldInnen sind ähnlich wie im ersten Band gestrandete LebenskünstlerInnen, die selten materiell erfolgreich im Leben sind, dafür aber in ihren sozialen Beziehungen umso leidenschaftlicher agieren und lebendig bleiben in einer Welt, die nicht zu...

Die Armbanduhr aber tickt wie eine Zeitbombe

In einer Wechselwirkung aus gedanklichen Monologen, pathetisch – fast schon kitschig anmutenden – Liebesbriefen und notizartig ausgeführten Tagebucheinträgen, reflektiert Gudrun Fritsch Eindrücke, Erinnerungen und Ängste rund um eine familiär wirkende Menschengruppe. Ohne den Unterschied zwischen fiktiven, erfundenen und erlebten Tatsachen zu kennen, kippt die Leserin in eine Gefühlswelt aus Liebe,...

Textsammlung mit Potenzial

Kurze Erzählungen und Textfragmente zu alltäglichen Begegnungen werden in der ersten Buchveröffentlichung von Sela Miller aneinandergereiht, wobei nicht das Rennrad, sondern öffentliche Plätze wie Bahnhof oder U-Bahn häufig im Mittelpunkt der Geschichte stehen. Dabei wechseln sich Szenen zu klassischen Begegnungen zwischen „Mann“ und „Frau“, tagebuchartige Beobachtungen, Passagen mit einer Liste...

Ungarischer Alltag

Eine Schwangere verkauft ihre Haare, ein Installateur stirbt bei der Arbeit, eine Bettlerin wird bestohlen, ein Papagei reißt aus und im Aufzug schluchzt eine Frau … Der Band enthält 40 Geschichten, welche der Leserin kurzweilige Einblicke in die Welten sehr unterschiedlicher Protagonist_innen gewähren. Die Autorin skizziert Frauen, Männer und Kinder...

Leben nach dem Ende?

Wien? Eine Stadt in Trümmern. Das urbane System ist zerbrochen, was bleibt, sind Einzelteile, ver-einzelte Akteur_innen, die höchstens zu zweit oder in kleinen Gruppen – ja was? – ihren Tod hinauszögern oder wenigstens den Zeitpunkt selbst bestimmen, überleben, oder doch leben wollen? Karin Peschka erzählt in ihrer „Autolyse Wien“ in...

Eine große Literatin!

Auch der letzte Band der fünfbändigen Elfriede Gerstl-Werkausgabe gibt wieder viele interessante Gedanken der österreichischen Autorin wieder. Es sind unveröffentlichte Gedichte, Prosa¬stücke, Reflexionen, Träume, Interviews und Denkkrümel aus fünf Jahrzehnten, die von Christa Gürtler und Martin Well aus Gerstls Nachlass zusammengestellt wurden. Ihre Denkkrümel sind treffsicher und hinreißend: Ob es...

Europa begreifen versuchen

Südtirolerin, Frau, Lesbe, Feministin – die Autorin beantragt die deutsche Staatsbürgerschaft und findet sich inmitten großer europäischer Diskurse wieder: Es wird ihr das Ausländerinsein abgesprochen, der Sinn dieses Staatszugehörigkeitswechsels hinterfragt, sie ist mal unter all jenen, die aus Nicht-EU-Ländern kommen und sich durch die Mühlen der Bürokratie schlagen, um hoffentlich...

Seltsame Dinge

Die schwedische Autorin Åsa Foster erlaubt in ihren zehn Kurzgeschichten, die alle in der südschwedischen Region Schonen handeln, wo die Autorin kreatives Schreiben studiert hat, einen Einblick in den Alltag von ganz gewöhnlichen Menschen, denen doch Seltsames widerfährt. Die Settings sind teilweise so alltäglich, die Figurentypen so wohlbekannt, dass man...

Ich kniff die Augen zusammen…

Laufen! Von der Uni zur Arbeit laufen, von der Arbeit nach Hause laufen, und weiter, immer weiter. In China galt Li als die Streberin im Deutschkurs, an der deutschen FH muss sie sich sagen lassen, dass ihre Beiträge klingen, als wären sie durch ein Übersetzungsprogramm gelaufen. Ein unbekanntes Wort lässt...