Die Facetten des Liebens

Acht menschliche Geschichten spannen einen Bogen der alltäglichen Liebe, der Liebe zu Verwandten, der zwanghaften Liebe, der Liebe zu Gott bis zur erotischen Liebe. Die erste Erzählung endet mit dem beeindruckenden Monolog einer Tochter, die darin die Lebenslüge ihrer Eltern gekonnt bloßstellt. Nach einer Belehrung, sie solle doch im Hotelrestaurant die Suppe nicht vom Löffel schlürfen, legt sie in aufbrausender Jugendsprache offen, dass ihre Eltern sich jahrelang betrügen und niemals darüber sprechen. Heimlich senden sie Nachrichten an ihre Geliebten, kontrollieren aber das Handy der Tochter. Dieser Einstiegsmonolog der 17-Jährigen legt klar und wortgewandt dar, dass Liebe einschränkend und falsch sein kann.

Zentrale Figuren sind in dem Band meist Frauen, die geblieben, während ihre Männer gegangen sind. Männer treten als hilflose Wesen oder als Verführer auf, während Frauen liebende Mutterfiguren verkörpern, die sich für (ihre) Kinder aufopfern. Die soziale Frage wird aufgeworfen, indem eine alleinerziehende Mutter ihr Leben im inneren Monolog umreißt und dabei an ihre Freundin denkt, die nach dem Jusstudium von ihrem Vater für Praktika durch Kanzleien gereicht wird, um schlussendlich einen Anwalt zu heiraten und nun jede Woche eine Thai-Massage in ihrer Villa erhält. Wie hier ersichtlich, werden aufgeworfene Probleme leider klischeehaft abgewickelt. Dennoch lassen ein unsentimentaler Erzählstil und die Alltäglichkeit der Geschehnisse ein realis¬tisches Eintauchen ins Über- und Unterschätzen der Liebe zu.

Verena Schweiger

Valeria Parrella: Liebe wird überschätzt (und andere menschliche Geschichten). Aus dem Ital. von Annette Kopetzki. 144 Seiten, Hanser, München 2017 EUR 18,50

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