Editorial

Liebe Leser*innen!

Alle Jahre wieder erscheint unsere Winternummer Anfang Dezember und bringt jede Menge Lesetipps für kalte Tage
und lange Nächte – ob eine zwischen Buchdeckeln mit unserem Mini-Antarktisschwerpunkt (Anne von Canal: „White
out“, Rebecca Hunt: „Everland“) in noch kältere Regionen reist oder sich in die Wärme träumt wie in Lizzy Hollatkos Kinderbuch, das die Protagonistin Manto einen Sommer lang durch Griechenland begleitet – nachzulesen im diesmal etwas umfangreicheren Kinder- und Jugendbuchteil.

Im Bereich Belletristik finden sich Bücher von bekannten Autor*innen neben vielen großartigen Neuentdeckungen.
Der fünfte Band der Elfriede Gerstl Werkausgabe ist da und für alle, die sich mit dem Werk der Autorin noch nicht beschäftigt haben, eine Einladung dazu. Margaret Atwood, die kürzlich den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, erzählt in ihrem empfehlenswerten neuen Roman „Das Herz kommt zuletzt“ von einer dystopischen nahen Zukunft, in der ein fragwürdiges soziales Experiment den Wohlstand garantieren soll.

Die belgische Autorin Lize Spit hat einen Roman über das Erwachsenwerden geschrieben, der unter die Haut geht und unsere Rezensentin noch lange beschäftigen wird. Beeindruckend ist die Lektüre des großteils auf den Orkneyinseln handelnden Romans „Nachtlichter“ von Amy Liptrot, in dem es um den Kampf gegen eine Suchterkrankung geht. Mit einem großen Wurf beeindruckt Yaa Gyasi in ihrem Romandebut, das im heutigen Ghana im 18. Jahrhundert startet und anhand zweier Frauenbiografien das Leben über sieben Generationen nachzeichnet. Dabei gelingt besonders die differenzierte Darstellung der mannigfachen Auswirkungen und Verflechtungen von Kolonialismus, Sexismus und Rassismus.

Nicht nur in den bevorstehenden kalten Wintermonaten ist leistbares Wohnen wieder ein hochpolitisches brandaktuelles Thema, sondern auch im jüngsten Kriminalroman „Selbst gerächt“ von Juliane Beer. Wenn eine eine Aufheiterung benötigt, dann lese sie am besten „Das Glück ist ein Vogerl“ von Ingrid Kaltenegger, dann wird sie ein beschwingtes Lesevergnügen haben. Mit der 17. Ausgabe von „Mein lesbisches Auge“ wiederum ist dem konkursbuch Verlag ein sinnlicher, generationenübergreifender und politisch aufgeladener Wurf gelungen. Mit Graphic Novels geleiten Vina Yun und Liv Strömquist informativ wie lustvoll durch Vergangenheit, Gegenwart und erfundene Realitäten: Sei es im Rahmen der koreanischen Diaspora in Wien oder als Kulturgeschichte von weiblichem Genital, Klitoris, Menstruation, und welche Denkmäler diesbezüglich im öffentlichen Raum fehlen.

Im Bereich Wissenschaft und Sachbuch sei „Ebbe und Blut. Alles über die Gezeiten des weiblichen Zyklus“ von den beiden Grafik-Designerinnen Luisa Stömer und Eva Wünsch genannt, die sich dem Thema Regelblutung und anderen Tabus rund um den weiblichen Unterleib widmen. Besonders hervorhebenswert für alle im pädagogischen, philosophischen
und geschlechterpolitischen Bereich Tätigen ist der geschlechterkritische Blick von Stefanie Göweil auf Gesellschaft
und Schule in ihrem neuen Werk „Grenzen und Chancen der modernen Geschlechterordnung“. Gleich zwei weitere Bände zeigen Möglichkeiten und Grenzen auf, wie mehr Geschlechter- und Diversitätsgerechtigkeit an Universitäten oder in privatwirtschaftlichen Unternehmen umgesetzt werden kann – und inwieweit das mit feministischer Wissenschaft
und Genderforschung in Verbindung steht. Eine andere Art von Grenze berührt der Band „Meine wilden Kinder“ der Primatenforscherin Signe Preuschoft, die an vielen Orten mit Affen gearbeitet und Waisenkinder großgezogen hat. Emotionalität, Täuschungsmanöver und kooperatives Verhalten bei den Affen zeigen, wie stark die Mensch-Tier-Grenze konstruiert ist und wie notwendig, sie weiter abzubauen.

Wir hoffen, bei diesem abwechslungsreichen Programm ist für alle etwas Lesenswertes dabei und wünschen großes Lesevergnügen!

Die WeiberDiwan-Redaktion