Wirkmächtige Vergangenheit

Der Vater von Jenny und Thomas O’Mally Lindström stirbt unerwartet im Gefängnis. Angesichts einer wahrlich unerquicklichen Kindheit mit ihm stellt sich den erwachsenen Geschwistern die Frage, wie viel Trauer sein Ableben auslöst. Jenny ist Krankenpflegerin, hat eine 18-jährige Tochter und scheint ihr Leben nicht wirklich auf die Reihe zu kriegen. Thomas hat sich mit einem Papierwarenladen und einer langjährigen Beziehung mit der Kunsthistorikerin Patricia ein etabliertes, geordnetes Leben eingerichtet. Das ist die Ausgangssituation, von der 444 Seiten später nichts mehr übrig ist. Im Mittelpunkt des ersten Romans der dänischen Erzählerin und Lyrikerin Aidt steht Thomas, dem mit diesem Tod sukzessive alles entgleitet. Mit Grimm blickt er auf seinen kriminellen, unzuverlässigen Vater und seine instabile Kindheit zurück, in der die Mutter die Kinder verlassen hat und jung an Krebs verstorben ist. Seine Versuche, sich mit Verdrängung und Abscheu von seiner Herkunftsgeschichte abzugrenzen, lassen ihn zunehmend obsessiv und gewalttätig werden. Als Gegenfolie dazu entflammt rund um ihn eine neue Liebe, findet seine Nichte ihren Weg, wird ausführlich das idyllische Landleben des Lesbenpaars mit Zwillings¬töchtern dargestellt und ein Kinderwunsch erfüllt. Das Buch liest sich kurzweilig und der untergründige Spannungsbogen, der zusätzlich aus kriminellen Vorkommnissen gespeist wird, hält bis zur letzten Zeile an. Wie in Schnick-Schnack-Schnuck ist es ein kurzer Moment, der über Sieg oder Niederlage, Leben oder Tod entscheidet.

Meike Lauggas

Naja Marie Aidt: Schere, Stein, Papier. Aus dem Dän. von Flora Fink. 444 Seiten, Luchterhand, München 2017 EUR 22,70

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