Eine kollektive Reise durch die Zeit

Der französischen Bestsellerautorin ist eine ausgesprochen leidenschaftliche Autobiografie gelungen. Ernaux sieht sich als Ethnologin ihrer selbst. Wer sich mit dem eigenen Älterwerden beschäftigt, ist hier an der richtigen Adresse und erhält eine klare Anleitung, um Zeit in Lebensabschnitten nochmals Revue passieren zu lassen. Während gemeinhin Auto- oder Biografien sich oft zu sehr um die im Zentrum stehende Person drehen, ist dieses Werk anders konzipiert. Es beginnt mit Blitzlichtern, kurzen zusammenhangslosen Wahrnehmungsmustern, dann folgt die Beschreibung eines Fotos, auf dem die Schriftstellerin abgebildet ist. Sie wird in dem historischen Rahmen persönlich und gesellschaftlich kontextualisiert. Genau dieser Stil erweckt Nähe, immer wieder werden persönliche Fotos geschichtlich eingereiht. Politische Ereignisse – international und französisch – umrahmen die Fotos, dazu die Einschätzungen und Entwicklungsszenarien im eigenen Leben: Liebe, Familie, Scheidung, neue Liebe. Es ist das „Inne sein“ mit der Autorin ohne eine eindeutige Spiegelung, die diese Erzählform so nachhaltig zum Dialog befähigt. Sie hält die ungelösten Konflikte dieser globalisierten Welt fest und dazu die schleichende politische Apathie der Zivilgesellschaft, die sich lieber vom Konsum korrumpieren lässt, anstatt sich in die große Geschichte einzumischen, und das schafft eine Deprimiertheit aufgrund der Parallelität zum eigenen Leben, da wir selbst auch nicht wesentlich anders agieren. Erstaunlich!

ML

Annie Ernaux: Die Jahre. Aus dem Franz. von Sonja Finck. 256 Seiten, Suhrkamp, Berlin 2017 EUR 18,50

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