Faszination an der Durchschnittlichkeit

„Die Idiotin“ ist ein Roman über Selin, ein Kind türkischer Migrant_innen, die im ersten Semester auf der Eliteuniversität Harvard studiert. Sie macht typische und untypische Erstsemestersachen, sie trinkt nicht, oder versteht den Sinn davon nicht, ebenso wenig wie den vom Tanzen. Sie liest, viel, ohne sich eine Meinung bilden zu können, im Gegensatz zu ihrer Kommilitonin Svetlana, die Meinungen am laufenden Fließband produziert. Sie verliebt sich in Ivan, via Email, er vielleicht auch in sie, oder doch nicht? Im echten Leben jedenfalls klappt es nicht ganz so gut mit den beiden.

Der Roman liest sich wie eine literaturwissenschaftliche Einführungsveranstaltung an der Uni. Es geht viel um Sprache, um die Möglichkeit und Unmöglichkeiten des gesprochenen Wortes im Vergleich zum geschriebenen Wort. Mit vielen Bezügen zur russischen Literatur, wie der Titel „Die Idiotin“ erahnen lässt. Selin ist ein durchschnittlicher Charakter, eine strebsame, auf die Mutter hörende Studentin, manchmal passiv, manchmal bricht sie aus dieser Passivität aus, aber vielleicht liegt auch darin die Faszination – aus dem ganz „normalen“ Leben das unverwechselbare herauszuarbeiten. In schnörkelloser Sprache erzählt Batuman detailreich von dem Alltäglichen und den kleinen Dramen des Lebens einer jungen Erwachsenen.

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Elif Batuman. Die Idiotin. Aus dem amerik. Engl. von Eva Kemper. 476 Seiten, S. Fischer, Frankfurt/M. 2017 EUR 24,70

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