30 Jahre TransX
TransX feierte heuer sein 30-jähriges Bestehen mit einem Festakt im Rathaus. Aus diesem Anlass führte der Weiberdiwan ein Interview mit eVa Fels, der Obperson von TransX. Auf der Website von TransX – transx.at – ist einsehbar, wann und wo sich der Arbeitskreis trifft.
Weiberdiwan: Könntest du ein paar Worte zur Gründung von TransX sagen?
eVa Fels: TransX wurde 1995 gegründet. Es gab damals die Gruppe Transvestitinnen, die sich thematisch mit Transidentitäten beschäftigt hat. Das hat sich dann zu einer Selbsthilfegruppe mit Beratungsangeboten und zum Lobbying für diese entwickelt. So kam es zur Vereinsgründung. Ich selbst bin erst 1999, über eine Frau, die ich kennengelernt hatte, dazugestoßen. Die Treffen fanden in der Rosa Lila Villa statt.
WD: Welche Probleme gab es damals vor allem?
EF: Einerseits hat es eine starke Polarität zwischen Transvestiten und Transsexuellen gegeben. Das war immer eine Zerreißprobe. Ein Teil war in der Fetisch-BDSM-Szene gut verankert und hatte ein starkes Naheverhältnis zur Libertine. Gleichzeitig wollten sich Transsexuelle, die ein starkes Operationsbegehren hatten, von den Transvestiten abgrenzen und haben letztlich TransX verlassen. Was für mich aber gravierend war, ist, dass die Leute damals sozial, psychisch und finanziell sehr fertig waren. Es war wirklich ein Jammerhaufen.
WD: Gab es in dieser ersten Phase Unterstützung von Politiker:innen? Gab es da irgendeine Sensibilität?
EF: Nein, die gab es absolut nicht. Wir wollten beispielsweise eine Vornamensänderung unabhängig vom Geschlecht, das war politisch nicht durchsetzbar. Wenn du in Transition gegangen bist, musstest du mit deinem alten Vornamen bis zur Personenstandsänderung leben. In der Regel dauert so ein Prozess 1 bis 2 Jahre. Es gab ja noch den Operationszwang und davor zumindest ein Jahr lang die Einnahme von Hormonen. Die Genitalanpassung war die Voraussetzung für die Personenstands- und Namensänderung. Erst 2009 wurden durch ein VwGH-Urteil Personenstandsänderungen ohne operative Eingriffe möglich. Das ist ein gewaltiger Vorteil für Transsexuellen, aber schreckt bestimmte genital-fixierte feministische Kreise ab. Denn es könnten ja dann Männer ohne große Probleme mit weiblichen Dokumenten weibliche Toiletten nutzen. Als ob jemand dafür eine Personenstandsänderung machen würde!
WD: Jetzt historisch gesehen, hat sich im Hinblick auf medizinische Notwendigkeiten etwas für Transpersonen geändert?
EF: Nein, da gibt es bisher keine Verbesserungen! Es sind nur sehr reduzierte medizinische Leistungen, die von den Krankenkassen übernommen werden. In Einzelfällen konnten Transfrauen die Finanzierung der Bartepilation erkämpfen, aber es gibt da keine generelle Lösung von den Kassen.
WD: Haben sich eure Beratungsaktivitäten in den letzten Jahren verändert?
EF: Unsere Club- und Betreuungsabende machen wir immer noch. Wir sind mittlerweile weniger aktivistisch unterwegs. Wir waren früher beim Volksstimmefest, beim Donauinselfest und beim Stadtfest mit einem Infostand.
WD: Was sind die gewichtigsten Fragestellungen für Transpersonen?
EF: Wie komme ich zu meinen notwendigen Stellungnahmen für Hormonfreigaben? Diese Informationen haben wir auf unserer Homepage, lange Jahre haben wir für Transpersonen Asylberatung gemacht. Aus dem Beratungsbereich hat sich Queerbase entwickelt, die das nun professionell machen und Förderungen erhalten. Queerbase hat ein gutes Netzwerk aufgebaut und weiß, was aktuell vom Innenministerium zu berücksichtigen ist.
WD: Viele Nationalstaaten sind nach wie vor politisch transfeindlich eingestellt. Wie schaut es für Transpersonen in Österreich aus?
EF: Die soziale Integration hat sich grob gesagt ab Anfang 2000 sukzessive verbessert. Auch in der Berufswelt kam es zu Veränderungen. Ein Geschlechtswechsel führt nicht mehr unbedingt zur Entlassung. Durch das Internet hat sich die Vernetzung erheblich erleichtert. Mittlerweile hat sich gerade Letzteres wieder verschlechtert, das Internet ist nun eher ein Faktor für Isolation anstatt für Verbindung geworden. In den letzten drei, vier Jahren erleben wir sogar europaweit einen Backlash, also einen deutlichen Anstieg von Gewalt gegenüber Transpersonen.
WD: Trotz der rechtlichen und gesellschaftspolitischen Verbesserungen?
EF: Es geht um die Gewalt auf der Straße, verbale Angriffe bis hin zu Körperverletzungen. Wir sind in Transgender Europe, das wir 2006 nach dem ersten European Transgender Council in Wien mitgegründet haben. Das ist eine wichtige Lobbyorganisation auf europäischer Ebene, insbesondere auch was die Unterstützung beim Erkämpfen von Grundrechten angeht.
WD: Wie schaut es bei strafrechtlich relevanten Delikten gegenüber Transpersonen aus, macht ihr da auch Prozessbegleitung?
EF: Die meisten Betroffenen sind so verängstigt, dass sie gar nicht Anzeige erstatten. Die Beweislagen sind nicht so leicht zu bewerkstelligen. Zum Beispiel drei gegen eine Person. Und dann versandet das.
WD: Der 8. März ist eine der größeren Demonstrationen in Wien – am 20. November kommen zum Trans Day of R* meist nur eine überschaubare Anzahl an Menschen. Woran liegt das?
EF: Ich persönlich bin schon über 20 Jahre nicht auf einer 8. März Demonstration gewesen, nachdem mir zu Ohren gekommen ist, dass ich da nichts zu suchen hätte. Die Gedenktage für Transpersonen ziehen oft nur ein kleines Publikum an. An sich ist die Transcommunity eine totale Minderheit, auch in der queeren Szene. Unsere Erfahrung lehrt uns, wenn Menschen eine Transition machen, dann wollen sie einige Jahre später auch nichts mehr von uns wissen. Viele wollen ihre Vergangenheit auch lieber verheimlichen und brechen den Kontakt zu uns ab. Das heißt, wir haben eine Lebensdauer von Transaktivisten in einer Halbwertzeit von etwa einem Jahr. Das ist ein anderer Zugang als in der homosexuellen Szene. Das ist in der non-binären Kultur auch anders, da die Betroffenen damit fast lebenslänglich konfrontiert sind.
WD: Du hast einmal erwähnt, dass Transsein an sich noch kein politisches Programm wäre.
EF: Ja, absolut, es wäre eine fatale Vorstellung. Transidentität hat mit Homosexualität nichts zu tun. Es entsteht immer mehr der Eindruck, dass Geschlechtsinkongruenz eine linke Ideologie wäre, aber das ist ein Schwachsinn. Es ist zwar klar, dass heute Transpersonen nach links gezogen werden, weil sie von rechts attackiert werden, aber das eine hängt mit dem anderen nicht zusammen. Die Transcommunity ist als Objekt in einen Krieg geworfen worden, den ganz andere für ganz andere Ziele kämpfen. Es geht dabei nicht um unsere Probleme. Wokeness ist nicht mit Trans per se korreliert. Es wird permanent unterstellt, dass neue Sprachregulierungen aus der Transcommunity kommen. Diese Regulierungen kommen vor allem von Helfer:innen und Sympathisant:innen und nicht so sehr aus der schwachen Transcommunity. Wir können nicht einmal leugnen, dass es auch rechtsradikale Trans-Personen gibt, zum Beispiel Monika Donner. Ich denke, dass unser Recht auf Selbstbestimmung und medizinische Versorgung kein großartig politisches Programm ist. Jeder Mensch sollte ein Recht auf Selbstbestimmung haben, das sollte klar sein. Das Ausleben der Geschlechtigkeit ist jetzt nicht unbedingt eine linksfeministische Forderung. Es ist etwas Inneres, was zu respektieren ist. Natürlich gibt es diese äußeren Vorbehalte, ihr gehört etwa da- oder dorthin. Für mich macht es aber keinen großen Unterschied, ob jemand in einem konservativen oder fortschrittlichen Betrieb gemobbt wird. Denn das passiert in beiden Bereichen genauso wie auch die Unterstützung von Kolleg:innen. Das hat also nichts mit rechts oder links zu tun.
WD: Wie schaut es aus mit der psychotherapeutischen oder medizinischen Ebene aus? Gibt es da Netzwerke, also Fachkenntnis, wo bestimmte Kompetenz bereits abrufbar ist?
EF: Die Psychotherapeut:innen haben schon vor 30 Jahren einen Arbeitskreis zum Thema gebildet. Psychotherapeut:innen, die sich mit Transpersonen nicht auskennen, kosten in der Regel sehr viel Zeit und Geld.
WD: Für praktische Ärzt:innen bietet ihr Workshops an?
EF: Ja wir machen in Linz im Herbst wieder mit spezialisierten Mediziner:innen und Psycho*s einen eintägigen Workshop. Das ist eine Eigeninitiative von uns, wo wir das Basiswissen für Hormontherapien weitergeben. Niedergelassene Ärzt:innen lernen, wie sie Menschen durch die Hormontherapie begleiten können oder wie diese hormonell eingestellt sein sollten; aber auch welche Risiken für Betroffene entstehen können, wo Vorsicht geboten ist. Am besten arbeiten wir mit lokalen Ärzt:innen zusammen, damit auch die Vernetzung besser funktioniert.
WD: Was können wir vom Transfeminismus lernen?
EF: Dass Geburt und Geschlecht nicht als Primärmarker beim Menschen zu sehen sind.
WD: Ende 2025 kam dieses Erkenntnis vom VfGH heraus, dass im Hinblick auf Einträge ins Personenregister das Bundesministerium für Inneres neue Durchführungsbestimmungen erlassen muss.
EF: Ja, das BMI hat im Februar welche herausgegeben, in denen das Erkenntnis vom VfGH zitiert wird, wonach nichtbinäre Geschlechtseinträge auch zu gewähren sind, wenn keine Intergeschlechtlichkeit vorliegt. Es wurden nur Zitate aus dem Erkenntnis in die Anforderungen für Mann-Frau Personenstandsänderungen aufgenommen. Demnach sollen jetzt auch Menschen, die den Personenstand „divers“ beantragen, Maßnahmen zur Veränderung des äußeren Erscheinungsbildes an ‚das andere Geschlecht‘ belegen, was in diesem Zusammenhang Unsinn ist. Denn es gibt im Recht nicht nur das eine oder das andere, sondern weitere Geschlechtspositionen. Die Durchführungsbestimmungen sind absurd und widersprüchlich, so dass bereits ein Standesamt die aktuellen Bestimmungen ignoriert hat und das Ansuchen auf Personenstandsänderung einfach gewährt hat, ohne auf Angleichungen des äußeren Erscheinungsbilds zu schauen.
WD: Wie geht ihr mit der Forderung von Radikalfeministinnen nach Schutzräumen für von Gewalt betroffene Frauen oder traumatisierte Frauen um? Aus deren Sicht ist es umstritten, ob Transpersonen jederzeit Zutritt erhalten sollten. Solche Forderungen führen zu sehr kontroversen Diskussionen, die nicht sachlich geführt werden, weil das emotionale Themen sind.
EF: Kennst du viele Fälle, wo das aufgetreten ist?
WD: Nein. EF: Ja, das ist ein Problem, wir suchen die ganze Zeit die gewalttätigen Transfrauen in Frauenschutzräumen und finden sie nicht. Dennoch, jeder Club, also auch ein Frauenzentrum, kann sagen, wer hineinkommen darf und wer nicht. Wenn das so erledigt wird, dann können die handeln, wie sie wollen, um ihre Privatsphäre zu pflegen. In staatlichen Institutionen wie beispielsweise in Strafvollzugsanstalten, da gibt es keine Regeln. Grundsätzlich gilt der Personenstand. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es mehr als eine Person in Österreich gibt, die für einen Gefängnisaufenthalt im Frauentrakt eine Personenstandsänderung vorgenommen hat. Es gibt auch keinen Anspruch darauf, dass eine Transperson in einen weiblichen Trakt kommt. Es ist eine Willkürsache und auch für die Strafvollzugsbeamten eine Belastung, da sie nicht wissen, was sie tun dürfen. Sie bräuchten Vorgaben, wie individuell von Fall zu Fall entschieden werden soll. Für Transmänner kann es im Männerknast recht unangenehm sein, und es gab Transfrauen, die nach der Einweisung in ein Frauengefängnis wieder zu den Männern wollten. In der Öffentlichkeit wird die Thematik völlig überdreht dargestellt und verzerrt medialisiert.
WD: Was wünschst du dir für die Zukunft der Transpersonen, auch im Hinblick darauf, dass es ja andere Vereine gibt, wo Transpersonen für Transpersonen etwas machen?
EF: Ganz dringend ist, dass die Propaganda gegen Transpersonen abgedreht wird. Die Mittel gegen den ‚Genderwahn‘ sind weltweit etwa drei Mal so hoch wie die Förderungen für LGBT. Mit diesen Summen werden den Leuten Vorurteile über soziale Medien vermittelt, und das schafft ein sehr unangenehmes Klima für Transpersonen. Die Digitalisierung hat viele negative Seiten mit sich gebracht. Als ich gestartet bin, waren Transpersonen vollkommen unbekannt, und so konnten wir das Bild über Transpersonen selbst prägen. Heute wird ständig propagiert, wie gefährlich die sind und dass Kinder zu Hormontherapien gezwungen werden. Es sind Vorurteile, die das Leben für uns erschweren und uns schaden.
WD: Danke für das Gespräch!
