Weiblichkeit, chronisch von Gewalt bedroht
30 Jahre nach der Veröffentlichung der Originalausgabe in den USA liegt der feministische Klassiker seit November 2024 auch auf Deutsch vor. Über weite Strecken sehr spannend zu lesen, ist das Buch ein interessanter Meilenstein der feministischen Diskurse der letzten drei Jahrzehnte. Die Autorinnen beginnen mit einer Analyse des aus den 1970er Jahren von einem schwedischen Polizeipsychologen stammenden Begriffs „Stockholm-Syndrom“. Die Bedingungen für das potenziell mögliche Auftreten des Syndroms bei Geiseln jeden Geschlechts sind eine wahrgenommene Lebensbedrohung, Güte, Isolation und Unfähigkeit zu fliehen. Aufbauend darauf wird untersucht, ob die Kriterien des Stockholm-Syndroms auf die Lebensbedingungen von Frauen in patriarchalen Gesellschaften generell zutreffen bzw. welche scheinbar typisch weiblichen Anpassungsleistungen und Verhaltensweisen Frauen unbewusst, tradiert oder auch bewusst setzen müssen, um in chronisch misogynen Gewaltsystemen überleben zu können. Viele dieser Verhaltensweisen sind Überlebensstrategien, unterstützen aber gleichzeitig auch das patriarchale System der Minderbewertung und Ausbeutung von Frauen. Schon in den frühen 1980er Jahren schreibt Christina Thürmer-Rohr über die Mittäterinnenschaft von Frauen, die verstörend und schockierend sein kann und oft in eine Pathologisierung von Frauen führt. Für die Autorinnen des vorliegenden Buches ist das Erkennen und Analysieren des patriarchalen „Feminisierens“ Voraussetzung und möglicher Ausgangspunkt, um ein eigentliches weibliches Sein entwickeln zu können.
Katja Russo
Dee L.R. Graham, Edna I. Rawlings, und Roberta K. Rigsby: Loving to survive. Auswirkungen sexueller Unterdrückung und männlicher Gewalt auf das Leben aller Frauen. Aus dem Engl. von Anne Ehrlich, 380 Seiten Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/Taunus 2024 EUR 28,00
