Formen des Queeren in der DDR-Literatur
DDR-Literatur wird im deutschsprachigen Literaturkanon bislang nur wenig Bedeutung zugemessen, noch weniger ihrem Potenzial für eine queere Lesart. Dieser doppelten Leerstelle widmet sich der Sammelband mit einer Zusammenstellung von Beiträgen, die sich DDR-Literatur, ihren Autor*innen und Werken aus einer queer-materialistischen Perspektive nähern. Der Band erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern versteht sich vielmehr als Vorschlag, DDR-Literatur über ihre Erzählformen auf queere Potenziale hin zu untersuchen. Queer wird dabei in seiner inhärenten Widersprüchlichkeit, Ambivalenz und Brüchigkeit verstanden, mittels derer literarische Spuren der Abweichung und des Subversiven sichtbar gemacht werden. Die Artikel richten ihren Fokus auf Werke von DDR-Autor*innen wie Christa Wolf, Irmtraud Morgner, Brigitte Reimann, Christa Reinig, Franz Fühmann, Ronald M. Schernikau und Norbert Marohn sowie auf die Lesbenzeitschrift frau anders und die FDJ-Poetenbewegung. Über detaillierte Analysen von Textgattungen, Erzählstrukturen, Protagonist*innen und Raum-Zeit-Anordnungen werden Aspekte offengelegt, die eine heteronormative Ordnung unterwandern. Queere Elemente erscheinen dabei nicht nur als versteckte Subtexte oder narrative Anspielungen, sondern in ihrer Vielschichtigkeit als zentraler Bestandteil der Erzählungen selbst. Zugleich kontextualisieren die Beiträge die Bedingungen und Entwicklungen der Literaturproduktion in der DDR und gehen dabei fortwährend der Frage nach den Wirkungsweisen des Sozialismus für die literarische Bearbeitung von Geschlecht, Sexualität und Begehren nach. Der Sammelband zeigt eindrücklich, wie Queerness in und über literarische Formen greifbar werden kann und regt dazu an, das queere Potenzial von DDR-Literatur weiter zu erkunden.
Ola
„bin weiblich, bin männlich, doppelt“. Queere DDR-Literatur. Hg. von Franziska Haug. 296 Seiten, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2026, EUR 40,20
