Der Preis der Freiheit ist Sterben-Machen

Lagerhaltung, Sklavenhandel, systematisches Töten und Sterbenlassen an Europas Grenzen: Heidrun Friese bietet mit ihrem Buch eine theoretische Rahmung für ‚Todespolitiken‘. Sie betont dabei koloniale und rassistische Kontinuitäten von Gewalt. Moderne Gesellschaften sind als Ausschlussgemeinschaften angelegt, bis heute herrscht eine Art globalisierter Apartheid. Es ist das Paradox der liberalen Ordnung: Das Versprechen von Sicherheit und Freiheit im Inneren benötigt Abtrennung und den Ausschluss von ‚anderen‘. Mittels rassifizierter Vorstellungen entwerfen liberale Demokratien Bilder von als geradezu parasitär gedachten Eindringlingen, was wiederum die Militarisierung von Migrationspolitik rechtfertigt. Am Beispiel Italiens und Libyens verweist Friese auf tödliche Verflechtungen von Geheimdienst, Politik, wirtschaftlichen Interessen und Warlords. Gewalt bleibt unsichtbar, weil sie außerhalb der EU und an anderen stattfindet. Systematische Rechtsbrüche und Missachtung von Menschenrechten gelten als notwendige Staatsräson. Dem entgegen stellt Friese die Forderung, Leben nicht als Gegenstand von Macht zu begreifen, in dem Sinne, dass Politik über das Leben bestimmt, sondern plädiert für eine Politik, die vielmehr vom Leben handelt. Ein Instrumentarium, das es zu stärken gilt, ist das internationale Recht. Dringliche Aufgabe ist es, herkömmliche nationale Rahmungen des Rechts zu verschieben und transnational zu denken – im Sinne einer transnationalen Rechtstheorie für eine migrantische, bewegliche Bürgerschaft.
Lisa Grösel

Heidrun Friese: Das Ende der Menschenrechte. Leben oder Tod an Europas Grenzen. 151 Seiten, Psychosozial-Verlag, Gießen 2025 EUR 23,60