Eine andere Art von Feminismus
In Lateinamerika werden Strömungen des eurozentrischen, „weißen“ Feminismus mitunter kritisch wahrgenommen: Etwa als Suche nach Antworten auf Probleme privilegierter Frauen aus der Mittelschicht, die individuelle Rechte und Gleichstellung einfordern – innerhalb bestehender patriarchalischer Strukturen. Die Kolonialisierung und Ausbeutung Lateinamerikas war zentral für die Industrialisierung und Bereicherung europäischer Gesellschaften. Millionen von Indigenen wurden versklavt und getötet. Nach wie vor kämpfen indigene Gemeinschaften gegen Landraub, Vertreibung und die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen durch transnationale Großprojekte und Investoren. Die Lebensrealität indigener Frauen in Lateinamerika sieht daher anders als die der privilegierten Frauen aus. Alltag sind hier Drogenkartelle und Paramilitär, Armut, Vergewaltigung und Femizide. „Wir haben Feminismus nicht studiert“, wird etwa Aymara-Aktivistin Adriana Gutmán aus Bolivien zitiert. Das Leben sei die politische Schule. Anstelle Simone de Beauvoir zu lesen, war ihr wichtiger gewesen, ihrer Großmutter zuzuhören. Zehn Jahre lang recherchierte Autorin Sophia Boddenberg zu den historischen und aktuellen Entwicklungen in u.a. Argentinien, Bolivien, Chile, Kolumbien, Mexiko und Honduras. Sie begleitete feministische Kollektive und beschreibt in diesem Buch eindrücklich die Essenz, die diese teilen: Sie kämpfen um das Leben an sich. Um den Schutz der Kinder und der Natur. Um die Befreiung aus einem patriarchalen, kapitalistischen und rassistischen Ausbeutungssystem; alle Geschlechter sind miteinbezogen. Es geht also weniger um individuelle Interessen, sondern um Gemeinschaft, um eine tiefgreifende Transformation gesellschaftlicher Verhältnisse. Feministische Praxis beginnt in Lateinamerika im Zuhören und im Respekt gegenüber Verschiedenheit – in Verbundenheit. Davon können „wir“ lernen. Boddenberg analysiert die Wirkmächtigkeit friedlichen Widerstands und kreativer Proteste und porträtiert zahlreiche Aktivist:innen. Sie gedenkt auch jener, die von „Gegenkräften“ bereits ermordet worden sind.
Nina Kreuzinger
Sophia Boddenberg: Revolution der Frauen. Von Feministinnen aus Lateinamerika lernen. 156 Seiten, Mandelbaum Wien 2025 EUR 20,00
