(De)Radikalisierte Mutter-Tochter-Beziehungen

Die junge britische Kriminologin Dr. Nadia Amin flüchtet nach einer gescheiterten lesbischen Beziehung vor ihrem Herzschmerz in den Irak, um dort für die UN ein Deradikalisierungsprogramm für ehemalige IS-Frauen zu leiten. Kaum angekommen, wirft sie sich in die muskulösen Arme eines UN-Sicherheitsmitarbeiters und tritt während ihres Aufenthalts im Geflecht von Hilfsorganisationen, Ministerien und Botschaften von einem Fettnäpfchen ins nächste. Zaghaft hat Nadia per Telefon den Kontakt zu ihrer aus Pakistan stammenden Mutter nach Jahren des Kontaktabbruchs wieder aufgenommen und erntet beständige Kritik an ihrer in den Augen der Mutter gottlosen Haltung. Die Auseinandersetzung mit der erteilten muslimischen Erziehung ist in dem neuen Job in Bagdad unausweichlich. Unter den am Programm teilnehmenden Frauen begegnet Nadia der erst 19-jährigen Britin Sara, die sich vier Jahre zuvor dem IS angeschlossen hatte, und erkennt in Sara ein Spiegelbild ihres jüngeren Ichs, dem sie den rechten Weg weisen will. Die Autorin schöpft in ihrem Romandebüt aus dem Vollen autobiografischer Erfahrungen: Sie selbst ist Kind irakisch-pakistanischer Eltern und arbeitete als Irak-Expertin an einem ähnlichen realen Deradikalisierungsprogramm. Mit pointiertem Humor benennt sie Widersprüche und Scheinheiligkeiten auf allen beteiligten Seiten.
Steffi Franz

Nussaibah Younis: Fundamentalös. Aus dem Engl. von Jasmin Humburg. 384 Seiten, Unionsverlag
Zürich 2026 EUR 24,70