Diskursfähigkeit statt Opferzuschreibungen
Die Philosophin und Kulturwissenschaftlerin Maria-Sibylla Lotter stellt in ihrem Buch fest, dass Opfer sexistischer, antisemitischer oder rassistischer Gewalt sich zu leicht ihrer Handlungsfähigkeit berauben lassen. Oft bemüht sich zwar eine breite Solidaritätsbewegung um die Unterstützung der Opfer, ja sogar Medien und Politiker:innen mischen sich einseitig ein. Jedoch ist eine leichtfertige, unhinterfragte Parteinahme für das Opfer problematisch. Zunächst sei zu klären, ob der vom Opfer präsentierte Vorwurf berechtigt ist. Eine sachliche Argumentation dürfe nicht vernachlässigt werden. Die medizinische Diagnostik zu posttraumatischen Belastungsstörungen oder Begriffen wie Trauma, Mobbing oder Gewalt wurde laut Lotter in den letzten Jahrzehnten aufgeweicht. Mittlerweile könne sich fast jede Person mit einem psychischen Leidensdruck identifizieren, was wiederum dazu führe, dass der Konsum von Therapien und Antidepressiva enorm angewachsen ist. Der Konsens als Konfliktlösungsmuster ist nicht mehr das angestrebte Ziel, sodass die Eigenverantwortung und Selbstbestimmtheit des Opfers eingebüßt werden. Verletzlichkeit wird sinnentleert, wenn diese nicht mehr argumentativ abgesichert wird. Demokratische Verhältnisse sollten sich daher einer Debattenkultur nicht verschließen. Gerechtigkeit sucht nach Lösungen und benötigt kontroverse Diskussionen statt polarisierender Lagerbildungen. Die Autorin schließt mit einem Appell, dass die Wissenschaften Begriffsbildungen historisch zu kontextualisieren haben, und dass ihre Legitimation genau darin besteht, die Welt verständlicher zu machen, ohne ihre Komplexität zu unterschätzen. Ein interessanter Zugang, wobei mir im Hinblick auf die Diskursfähigkeit die Relevanz der ökonomischen Ungleichheiten in Konflikten im Beitrag zu wenig beleuchtet erscheint.
ML
Maria-Sibylla Lotter: Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild, 288 Seiten, Hanser, München 2026, EUR 25,70
