Ein leidgetragenes Leben

Die diesjährige Gewinnerin des Leipziger Buchpreises Natascha Wodin leistet einen enormen Beitrag, indem sie das Thema Zwangsarbeit im Nationalsozialismus anhand der Biografie ihrer Mutter Jewgenia beschreibt. Sie vermittelt, welche Wunden eine Revolution und ein Krieg bei einem Menschen aufreißen. Zunächst schildert sie die aufwendigen Recherchearbeiten, die sie betrieben hat, um den Spuren ihrer Familiengeschichte nachzugehen. Die Mutter entstammt einer intellektuellen Adelsfamile in Mariupol, die ökonomisch Anfang des 20. Jahrhunderts erfolgreich war. In der Oktoberrevolution rächt sich das durch den Zarismus verarmte Volk an den bisher Mächtigen. Der Zweite Weltkrieg verschärft die Lebenssituation, da die Invasion der NationalsozialistInnen in der Ukraine viele Menschen dazu zwingt, nach Deutschland auszuwandern, um dort Zwangsarbeit zu leisten, andere Familienangehörige werden in Lager gesteckt. Getrennt von der Heimat, im Flick-Rüstungsbetrieb in Leipzig arbeitend, ist Jewgenia zunehmend überfordert. Ihr wesentlich älterer, cholerischer und verständnisloser Ehemann stellt dazu keinen Ausgleich her. Die bitteren Jahre nach dem Krieg bringen für die mittlerweile vierköpfige staatenlose Familie, die es vorzog nach Nürnberg zu gehen, keine Kehrtwende. Die Mutter verzweifelt an den prekären ökonomischen Lebensumständen und dem äußeren Geächtetsein. Interessant, emphatisch, leider in der historischen Sicht totalitaristisch, dadurch wird eine Reduktion der komplexen historischen Umstände erzeugt. ML

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol. 365 Seiten, Rowohlt, Reinbek 2017 EUR 20,60

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