Gendering Auschwitz

Was hat die Haft in Auschwitz mit den Körpern, der Sexualität, der Identität der Inhaftierten gemacht? Lässt sich aus den Texten von Auschwitz-Überlebenden ein „doing gender“ herauslesen? War das Schreiben ein Akt, mit dem das eigene Selbst wieder errichtet werden konnte, nachdem in Auschwitz versucht wurde, dieses Selbst der Inhaftierten vollkommen zu zerstören? Wie haben Frauen und wie haben Männer im Beschreiben von Auschwitz diese Zerstörung thematisiert – und war für sie alle das Schreiben eine Form, um ihre Weiblichkeiten und Männlichkeiten, ihre biologischen und sozialen Identitäten wieder als eigene zu errichten und zu behaupten? Was sind dabei die Unterschiede, was die Gemeinsamkeiten in den Texten von Frauen und Männern?

Die deutsche Literaturwissenschaftlerin Margret Graf machte aus diesen und vielen weiteren Fragen eine spannende Studie, für die sie aus fast hundert autobiografischen Texten von Auschwitz-Überlebenden 24 ausgesucht und einem „close reading“ unterzogen hat – auf respektvoller Suche nach Gender-De- & Re-Konstruktionen. Wie Graf einleitend meint, würde sie mit dieser „bisher nicht erprobten“ Form der Annäherung an Auschwitz-Texte den gut informierten Leser_innen wohl „einiges Ungewohnte zumuten“. Wer sich darauf einlässt (dem viel zu hohen Buchpreis zum Trotz), wird mit einer Fülle anregender Beobachtungen belohnt. Darüber, ob die Umsetzung der ambitionierten Idee in allen Facetten gelungen ist, ließe sich zwar streiten – aber „schlimmstenfalls“ entstünde aus einem solchen Streit die nächste Studie, die einen ungewohnten Blick auf diese nach wie vor aktuellen Texte wirft. Sylvia Köchl

Margret Graf: Erinnerung erschreiben. Gender-Differenz in Texten von Auschwitz-Überlebenden. 286 Seiten, Campus, Frankfurt a. M. 2015  EUR 51,30

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