Gegen-Geschichte schreiben

Im Jahr 2015 wurde in vielfältiger Weise an das Ende des Zweiten Weltkrieges und die Befreiung Deutschlands vom Faschismus erinnert. Doch die mit diesen Ereignissen eng verbundene Geschichte Schwarzer Deutscher, die aus den Beziehungen zwischen afroamerikanischen Soldaten und deutschen Frauen hervorgegangen ist, findet in der offiziellen Geschichtsschreibung kaum Beachtung. „Kinder der Befreiung“ durchbricht dieses normative Bild der deutschen Nachkriegsgesellschaft, indem es die komplexen Erfahrungen jener Generation auf vielfältige Weise dokumentiert. Von wissenschaftlichen Analysen, über persönliche Erfahrungsberichte und Interviews, bis hin zu Gedichten versammelt die Anthologie verschiedenste Zugänge und Perspektiven auf ein weitgehend unbekanntes Stück US-amerikanisch-deutscher Geschichte. Die einzelnen Beiträge erzählen von Zurückweisung, Hin-und-Hergeschoben-Werden und der Suche nach Identität auf und zwischen zwei von tiefgreifendem Rassismus geprägten Kontinenten, aber auch von Selbstbehauptung und persönlichem sowie politischem Widerstand. Ein Fokus liegt hierbei auf den mehrfachen Kämpfen Schwarzer Frauen, die sowohl mit Rassismus als auch mit Sexismus konfrontiert sind. Ob chronologisch oder wild durcheinander gelesen, erschließt sich der Leserin Stück für Stück ein vielschichtiges Bild nicht nur von der persönlichen Lebensrealität der Betroffenen, sondern auch von der sie umgebenden Gesellschaft. Damit bietet der Band einen äußerst interessanten und nicht minder politischen Beitrag zur jüngeren Geschichte Deutschlands und der USA. Sehr empfehlenswert! Rebecca Stroblü

Kinder der Befreiung. Transatlantische Erfahrungen und Perspektiven Schwarzer Deutscher der Nachkriegsgeneration. Hg. von Marion Kraft. 374 Seiten, Unrast, Münster 2015  EUR 19,80

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