Moderne Elternschaft

Zwischen Burn-out und Schuldgefühlen, zwischen Schlafmangel und Karriereverlust enden heute viele Eltern, vor allem Mütter, obwohl Kinder doch laut Statistik glücklich machen sollen. Diesem Themenkomplex nähern sich zwei aktuelle Publikationen auf ganz unterschiedlichen Wegen. Karin Steger, Wiener Radiojournalistin und inzwischen vieles mehr, schreibt in ihrem Buch „Hättest halt kein Kind gekriegt“ über ihre sehr persönliche Geschichte: erst erfolgreich im Beruf, dann Alleinerzieherin mit ewigen Geld- und Zeitnöten, später in einer neuen Beziehung erbittert ums Zeitmanagement und Raum für Selbstverwirklichung streitend, um dann nach der Geburt des zweiten Kindes zwar keine Lösung für allen Schlamassel aber doch eine persönliche Strategie, mit allem umzugehen, zu finden. Steger stellt auch ein paar sehr konkrete Forderungen, um in der modernen Leistungsgesellschaft Platz zu schaffen für ein lebenswertes Leben – als Familie oder auch nicht – z.B. ein bedingungsloses Grundeinkommen als Voraussetzung, manche Wahl erst einmal treffen zu können oder auch kürzere Normalarbeitszeiten, um Müttern wie Vätern, aber auch Kinderlosen mehr Zeit außerhalb der Erwerbsarbeit zu geben. Der wohl am schwierigsten zu erfüllende Wunsch ist aber der nach einem Wandel in der gesellschaftlichen Einstellung, um Aussagen wie „Hättest halt kein Kind gekriegt“ in Hinkunft undenkbar zu machen.

Ganz anders geht die US-amerikanische Journalistin Jennifer Senior an das Thema heran. Anhand unzähliger Studienergebnisse und eigener Recherchen und Gespräche mit Eltern und MultiplikatorInnen handelt sie in „Himmel und Hölle“ die Möglichkeiten und Grenzen moderner Elternschaft ab. Systematisch teilt sie ihr Buch in Kapitel zu (Zeit-) Autonomie, Auswirkungen von Elternschaft in Partnerschaften (wobei sie das Kapitel „Ehe“ nennt), durchgeplante Kindheit und was das auch für Eltern bedeutet, Pubertät und die Freude an Elternschaft. Die Studienergebnisse der unterschiedlichsten Disziplinen repräsentieren zu einem Gutteil US-amerikanische Ergebnisse und damit zumindest teilweise andere Voraussetzungen. So arbeiten wohl in vielen EU-Ländern weit weniger Jungmütter neben der Betreuung ihrer Kleinkinder von zu Hause aus, weil es großzügigere Elternurlaubsmodelle und leistbare Kinderbetreuung gibt. Vergleichbar scheinen aber die Ergebnisse zur Aufteilung der Hausarbeit zwischen Paaren vor und nach der Geburt eines Kindes. In seiner Vielfalt und seinem Umfang bietet das Buch immer wieder Punkte, die zum Nachdenken anregen, dann werden aber auch wieder Beispiele oder Studien referiert, wo eine sich fragt, welche Anschauungen, welches Kinderbild transportiert wird. Kritisches Lesen ist also angesagt.

Während Karin Stegers Buch für die geeignet ist, die eigene Probleme in der Erfahrung anderer wiederfinden und auf der Basis über Änderungen im Privaten wie in der Gesellschaft nachdenken möchten – und das in einem flüssig zu lesenden, auch mal ironischen Stil –, empfiehlt sich Jennifer Senior für FaktensammlerInnen und Statistikbegeisterte. ESt

Jennifer Senior: Himmel und Hölle. Das Dilemma moderner Elternschaft. Übersetzt von Juliane Gräbener-Müller. 352 Seiten, Kein & Aber, Zürich/Berlin 2014 EUR 23,50

Karin Steger: Hättest halt kein Kind gekriegt! Auf der Suche nach mütterlicher Identität in der Leistungsgesellschaft. 171 Seiten, Orac-Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 2014EUR 22,00

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