S. de Beauvoir: Role Model und Reibebaum 

Immer seltener gelesen, aber immer noch als Ikone des Feminismus bekannt ist Simone de Beauvoir. Deren Leben, Werk und Rezeption hat Ingrid Galster erneut ein Buch gewidmet, das Widersprüche und Faszination rund um die vielleicht berühmteste französische Intellektuelle ausleuchtet. Die Romanistin führt unterschiedlichste Stränge des Schreibens von Beauvoir selbst mit dem, was in Wissenschaft und Presse in mehr als einem halben Jahrhundert über sie (und ihren Lebensmenschen Jean Paul Sartre) geschrieben wurde, in zwei Teilen zusammen. Dies ergibt ein noch schillernderes Bild einer klugen und mutigen Frau, deren intime Beziehungsexperimente ebenso wie ihre Textproduktion nicht nur Zeitgenoss_innen empörten und herausforderten. Wie Galster im Spiegel der Frauen- und Geschlechterforschung ebenso wie anhand der öffentlichen Diskussion um Person und Werk zeigt, geht von Beauvoir immer noch ein skandalumwitterter Reiz aus, den auszuloten sich Intellektuelle bis heute bemühen. Das Buch versammelt Texte der Beauvoir-Spezialistin aus 25 Jahren, woraus sich wiederum ein literatur/zeit/historisches Mosaik ergibt, das zahlreiche Facetten nicht nur Beauvoirs, sondern auch ihrer Funktion für den Feminismus entdecken lässt. Die somit an Textsorten vielfältige Organisation des umfang- und detailreichen Buchs erlaubt auch lohnende fragmentarische Lektüre. Das wird jene erfreuen, die nicht Beauvoir-Expert_innen werden, aber doch ein bisschen mehr über das kanonisierte Role Model und den im Feminismus tief verwurzelten Reibebaum Beauvoir wissen wollen. Claudia Brunner

Ingrid Galster: Simone de Beauvoir und der Feminismus. Monografie. 269 Seiten, Argument Verlag, Hamburg 2015 EUR  18,50

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