Antiklassistische Spurenelemente

Herkunftsfragen sind in einer Bewegung beachtenswert, da sie ökonomische Verhältnisse offen legen und damit auch Verhaltensmuster und Machtverhältnisse erklären. Die Sozialwissenschaftlerin Roßhart beweist anhand von qualitativen Interviews und verschiedensten Textformen (Zeitschriftenartikel, Flugblätter und andere), dass Klassenwidersprüche in der autonomen Frauen- und Lesbenbewegung der 1980er und 1990er Jahre behandelt wurden. Es war kein längerfristig bestimmendes Thema, aber es wurde punktuell immer wieder aufgegriffen. Eine produktive Debatte über Herkunftstabus und daraus abzuleitende herrschaftskritische Ausdrucksformen wurde oftmals von diskursführenden Mittelstandsfrauen be- und verhindert. Proll-Lesbengruppen bearbeiteten Herkunftsfragen am ehesten. Stimmen der afroamerikanischen Frauenbewegung, wie Audre Lorde und bell hooks, griffen Analysekategorien wie „Color“ und „ökonomischer Status“ offensiv auf.

In der akademischen Rekonstruktion wurde dem Klassismus in der Frauenbewegung bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt. In der Intersektionalitätstheorie wird zwar Klassenherkunft als ein Merkmal benannt, aber den daraus möglichen Ängsten und Bildungsdefiziten wird selten intensiver nachgegangen. Eine klassensensible Geschichtsschreibung der feministischen Bewegung steht noch am Anfang. Roßharts Beitrag dazu ist ein gelungener, da er eine gründliche vielschichtige Quellenlage und einen wissenschaftskritischen Zugang anbietet. Das Erkennen von Ausschlussmechanismen ist für eine effizientere politische Praxis jedenfalls wesentlich!

Antonia Laudon

Julia Roßhart: Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag – Antiklassistische Interventionen in der Frauen- und Lesbenbewegung der 80er und 90er Jahre in der BRD.  574 Seiten, w_orten & meer, Berlin 2016 EUR 20,40

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