Auf der Suche nach der Wahrheit 

Germaine Tillion war eine französische Intellektuelle, deren Leben eng verknüpft mit der Geschichte Frankreichs, Deutschlands und Algeriens des 20. Jahrhunderts war. Der Band versammelt autobiografische Schriften aus den verschiedenen Stationen ihres Lebens. Nach Forschungsaufenthalten in Algerien in den 1930er Jahren, schließt sie sich aus „zärtlicher Liebe zum Vaterland“ in Paris dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus an. Wegen eines Verrates wird sie verhaftet und ins Frauen-KZ Ravensbrück deportiert. Nach der Befreiung beginnt sie, die Nazi-Verbrechen zu dokumentieren und engagiert sich in den fünfziger Jahren für die Unabhängigkeit Algeriens. Tillion wendet die ethnologische Methodik des genauen Hinsehens und Verstehen-Wollens auf ihr eigenes Leben an, sie betrachtet ihre Erfahrungen, seien es nun ihre Algerien-Reisen, Isolationshaft oder Konzentrationslager, mit einem ethnologischen Blick. Dies ermöglicht ihr, eine gewisse Distanz zum Erlebten aufzubauen und, wie sie es formuliert, nach der „Wahrheit“ zu suchen. Tillion schreibt reflektiert und trotz der Tragik oft auch humorvoll. Ihre Texte zeugen von einer Persönlichkeit, die stets nach Gerechtigkeit strebt, doch der Patriotismus Tillions nimmt mitunter auch befremdliche Züge an. Rebecca Strobl

Germaine Tillion: Die gestohlene Unschuld. Ein Leben zwischen Résistance und Ethnologie. Hg. und aus dem Französischen von Mechthild Gilzmer. 330 Seiten, AvivA Verlag, Berlin 2015 EUR  22,60

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