Aus dem Leben oder über die innere Natur des Menschen
2023 flüchtete die russische Schriftstellerin Natalja Kljutscharjowa mit ihren Kindern nach Deutschland, da sie aufgrund ihrer kritischen Äußerungen zum Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine polizeilich verfolgt wird. Nun hat sie ein zweites Buch über den Ausnahmezustand in Russland, in der Ukraine und ihr Leben als Dissidentin in Deutschland verfasst. Sie bedient sich ein weiteres Mal der Form des inneren Monologs, um ihre Erfahrungen mit den widrigen Umständen des Krieges zu vermitteln, aber auch um die Absurditäten, die Menschen innerhalb Russlands mit diesem Krieg erleben, zu beschreiben. Ein weiteres Thema sind ihre Eindrücke, die sie mit anderen Flüchtlingen in ihrer Unterkunft und im Integrationskurs in Deutschland teilt. Formal hat sie den Text in fünf Kapiteln jeweils mit einer Coda unterteilt. Dass niemand freiwillig zum/zur Geflüchteten wird, verdeutlicht sie dadurch, wie schmerzhaft ihr eigener Heimatverlust für sie ist. Ein tiefgründiger Text, der sich mit alltäglichen Szenen in einer entmenschlichten Welt des Krieges beschäftigt. Die Frage, was in einem Krieg verteidigt wird, lässt sie von einem Philosophen formulieren. „Es sind der Boden, die Bodenschätze und die Fabriken, die den Oligarchen gehören.“ Lohnt es sich, dafür zu sterben? Ein aufrüttelndes Werk, das uns in einer Gesellschaft, die von der Propaganda der Kriegswirtschaft manipuliert wird, ermahnt, dass wir ein moralisches Gegengewicht gegen die Zerstörung aufbauen müssen. Großartig!
ML
Natalja Kljutscharjowa: Woher kommst du? Tagebuch einer Geflüchteten. Aus dem Russ. von Ganna-Maria Braungardt. 175 Seiten, Suhrkamp, Berlin 2026 EUR 16,50
