Penelopes Aufbruch aus dem großen Mythos in die Utopie
Größer geht’s nicht: Die Odyssee ist Grundlage für Ulrike Draesners „penelopes sch()iff“ und der Ausbruch Penelopes aus ihrer Rolle die Idee für das Werk. Wo Homers Odyssee aufhört, beginnt Draesners Neuschreibung: Penelope geht, besser, sie fährt mit 100 Gefährtinnen und einem selbstgezimmerten Schiff los, zeigt, wie mit Kooperation weit mehr zu erreichen ist als mit Blutrausch, Feindschaft und Herrschsucht, landet in einer Lagune, gründet Venedig. Die alte Ordnung aus Ithaka bricht zusammen, neue Gesellschaftsstrukturen können entstehen.
niemand weiß wo die dunkelheit wohnt/
noch wo die dämmerung noch wo/
die sonne die die welt erhält/
unter die erde kriecht/
(beiß der gurke den kopf ab)
Warum Gurke: Diese verkörpert den Mythos im Glas, die meisten Naturbilder stammen jedoch, übersetzt und neu formuliert, aus der Odyssee. Der antike Text schrieb stets mit, so Draesner. Hexameter sind es bei ihrer Lyrik aber nicht. Der Text trägt mitunter dadaistische Züge und will ja auch Collage sein, aus Zitaten, Impressionen, Spielereien beim Zeilenumbruch und altgriechischen Einsprengseln. Penelopes sch()iff – tolle Idee, gigantischer Aufwand. Ein Epos ist meistens lang, und so sollte für Ulrike Draesners postepos Muße zur Verfügung stehen, fürs Eintauchen und auch fürs Aufwachen aus einer sehr, sehr fantastischen und traumhaften Welt.
Christine Müller
Ulrike Draesner: penelopes sch()iff. Postepos. 304 Seiten, Penguin Verlag, München 2025 EUR 36,00
