Austrofaschismus aus feministischer Perspektive

Auch wenn es bisher einzelne Forschungen in Sammelbänden gab, ist dieses Kompendium das erste explizit dem Thema Frauen und Geschlechterverhältnisse in Österreich vor 1938 gewidmete. Erst eine Wissenschaft basierend auf einer, die Realität wiedergebenden Sprache macht sie sichtbar: die Rolle der Frauen bzw. der Platz, auf den Frauen verwiesen wurden. „Perspektivenwechsel“ verweist auf die Eröffnung des neuen Blickes, anno 2016 erschreckend spät, auf jene Gruppe im Staate Österreich, die von 1934 an bzw. schon vorher weitgehend rechtlos und beraubt einer Teilhabe an wesentlichen Institutionen in Österreich war. Eine Diskriminierung, die so subtil wie brutal unter Vorwänden der Religion oder Tradition den Frauen zugeschrieben wurde, mit den Folgen der Verdrängung ihrer Geschichte ins Unwesentliche. Die Beiträge von Sport bis Journalismus, von Reglementierung im Arbeits- wie im Privatleben bis zur Sexualität, von Widerstand bis Kampfbeteiligung dokumentieren den gesellschaftlichen Rückschritt für die Frauen in allen Lebensbereichen über ideologische Grenzen hinweg. Durch staatliche Gesetze und Erlässe, gepaart mit dem Mitläufertum der Religion wurden in diesem klerikal-faschistischem System diskriminierende Umstände geschaffen, die ein Bewusstsein in Österreich schufen, das es möglich machte, die Revision dieser Gesetze bis zum Ende des 20. Jahrhundert hinauszuzögern. Dass es ein gesamtgesellschaftlicher Rückschritt für Österreich war, eine Voraussetzung für die Katastrophen des 20. Jahrhundert, wird erkennbar.

Irene Suchy

Perspektivenwechsel. Geschlechter­verhältnisse im Austrofaschismus.  Hg. von Veronika Duma, Linda Erker, Veronika Helfert und Hanna Lichtenberger. Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften Nr. 27.  184 Seiten, Studienverlag, Innsbruck-Wien-Bozen 2016 EUR 30,00

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