„Gestern warst du noch da …“

Die Geschichte von Nadja und Martin. Sie, Journalistin, Mitte 30, „Zonenkind“, aufgewachsen in einem Land, das es nicht mehr gibt, hat die Wende als Jugendliche erlebt. Wohnt in Berlin. Er, Wirtschaftsberater, Anfang 50, deutscher Jude, dessen Eltern Auschwitz, Dachau und Ravensbrück überlebt haben, aufgewachsen in Frankfurt am Main, lebt in Tel Aviv, ist nirgendwo „daheim“. Erzählt wird „Keinland“ aus Nadjas Sicht. In zehn Kapiteln rekapituliert sie ihre Liebesgeschichte. Es sind vor allem literarische Protokolle ihrer beharrlichen Versuche, diese Liebe zu „retten“. Hensel weist der Protagonistin die Rolle der klassischen Liebenden zu, die sich dem Warten auf den Geliebten verschrieben hat. Die konsequent personalperspektivische, literarisch brillante Erzählweise erzeugt eine Dichte, eine Intensität, die auf fast schmerz¬hafte Weise Nadjas Unbedingtheit im Wunsch nach einem Miteinander spiegelt, auf (Ver-)Biegen und (Zer-)Brechen. Nadja versucht zwischen ihrer Geschichte und seiner – so wie sie sie imaginiert – einen Brückenschlag herzustellen. Doch es sind morsche Brücken, die sie baut. Verhaftet in einer Vorstellungswelt. Zu viel scheint die beiden zu trennen. Historisch, geografisch, aber auch in ihren innerpsychischen Zugängen, beziehungsbezogen. Nadjas uneingeschränktes Ja zu ihrer Liebe prallt immer wieder an Martins Rückzug ab, dem Hadern mit sich und seiner Geschichte. Seiner Antwortlosigkeit. Dem tiefen Misstrauen, das er gegen Nadja als Nachfahrin der Nazi-Generation, aber letztlich auch gegen jedwede Nähe hegt. Doch birgt das Ende für sie auch einen Anfang.

Karin Ballauff

Jana Hensel: Keinland. Ein Liebesroman. 196 Seiten, Wallstein, Göttingen 2017

EUR 20,60

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