Im Alltag untergehen

Kind, Mann, Katze, Enten, Chaos. Wallys Alltag ist überfüllt von vielen kleinen Dingen. Dazu auch noch die Diagnose ihrer Tochter: Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADHS). Sie braucht Therapie, Medikamente und Geduld. Sich damit auseinanderzusetzen und die Bedürfnisse ihrer Tochter zu respektieren, ist für Wally eine Heraus-forderung. Sie sieht sich selbst in ihrer Tochter und der Diagnose. Jahrzehntelang hat sie sich mit der Dissonanz zwischen Erwartung von außen und ihrer eigenen Gefühlswelt abgemüht. Denn ADHS ist mehr als nur fluktuierende Aufmerksamkeit: Ewige Suche nach Ordnung im Chaos, Routinen nicht einhalten und emotionale Vulnerabilität sind für Wally Alltag. Wallys Kampf gegen ADHS richtet sich gegen sich selbst und ihre eigenen Kräfte. Sie geht schließlich nicht nur metaphorisch unter, als ein Wasserrohrbruch sie an ihre Grenzen bringt. Der Innenblick der Protagonistin, das packende Erzähltempo und Sprünge zwischen verschiedenen Erzählzeiten geben dem Buch eine passende Struktur. Zwischen der unmittelbar beschriebenen harten Realität geht Empathie selbst aber nie verloren, was die Erfahrung der Protagonistin gut für Betroffene von ADHS sprechen lässt. Wer sich selbst darin erkennt, kann öfter lachen, aber sich auch gruseln. Empfehlenswert auch für alle, die gerne einen authentischen Einblick in die Innenwelt von Menschen mit ADHS hätten oder brauchen.
Magdalena Hangel

Cornelia Travnicek: Ich erzähle von meinen Beinen. 416 Seiten, Picus, Wien 2026 EUR 26,00